Patientensicherheit: Gefährdet durch Wettbewerb im Gesundheitssystem?

Interview mit Dr. Günther Jonitz, Präsident der Ärztekammer Berlin

17.11.2016

Krankenhäuser und Praxen haben eigentlich den Zweck, Menschen gesund zu machen. Dass das aber nicht immer passiert und Patienten durch eine Behandlung Schaden nehmen können, ist kein Geheimnis. Sparmaßnahmen im Gesundheitssystem stellen hier eine besonders große Gefahr dar. Letztendlich kann es aber auch anders gehen – wenn die Politik mitspielt.

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Dr. Günther Jonitz; ©beta-web/Wart

Auf der MEDICA 2016 widmete sich gestern im MEDICA ECON FORUM eine Diskussionsrunde dem Thema "Patientensicherheit im Krankenhaus". MEDICA.de sprach über dieses Thema mit Dr. Günther Jonitz, der das einführende Impulsreferat hielt.

Herr Dr. Jonitz, Untersuchungs- und Behandlungsabläufe werden immer komplexer. Wie wirkt sich das auf die Patientensicherheit aus?

Dr. Günther Jonitz: Durch den medizinischen Fortschritt werden Krankheiten heute mit ausgefeilten, unterschiedlichen Methoden behandelt. Je komplexer die Abläufe und je anspruchsvoller und auch kränker die Patienten sind, umso schwieriger ist es, die optimale Betreuung zu gewährleisten und Fehler zu vermeiden. Der Fortschritt hat aber auch dazu geführt, dass die Medizin selbst spezialisierter geworden ist. Je mehr Disziplinen und je mehr Spezialisten einen Patienten behandeln, desto besser müssen sie koordiniert werden. Der Umgang mit diesen Schnittstellen ist aufwendig. Er wird den Medizinern in der Regel nicht ausreichend beigebracht. Gleichzeitig fehlen die Rahmenbedingungen und die Zeit, die Ärzte bräuchten, um die notwendigen Gespräche zu führen.

Welchen Risiken sind Patienten in Krankenhäusern ausgesetzt?

Jonitz: Krankenhäuser stehen unter einem extremen finanziellen und Wettbewerbsdruck. Dieser Druck wird über Ärzte und Personal auch an die Patienten weitergegeben. Es gibt kein Land in Europa, in dem eine einzelne Pflegekraft oder ein einzelner Krankenhausarzt mehr Patienten versorgen muss als in Deutschland. Wir erleben auch, dass junge Ärzte immer weniger gut angeleitet werden – das heißt, dass ihre Weiterbildung zu Fachärzten massiv leidet. Das wird sich mittel- bis langfristig auch in der Versorgungsqualität niederschlagen, wenn gut ausgebildete Ärzte zunehmend Mangelware werden.

Konkrete Risiken im Krankenhaus betreffen zum Beispiel die Hygiene, denn unter Zeitdruck steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass notwendige Maßnahmen wie die Händehygiene zwischen Patientenkontakten weniger sorgsam durchgeführt werden. Unter dem Zeitmangel leidet sicherlich auch die persönliche, psychologische Betreuung von Patienten bis hin zum Prozess der Überleitung in den ambulanten Bereich oder die Rehabilitation.

Welche Maßnahmen wären nötig, um die Patientensicherheit zu gewährleisten?

Jonitz: Knapp gesagt: Menschen machen Menschen gesund, Verfahren und technische Systeme nicht. Das heißt, dass die Rahmenbedingungen stimmen müssen, um ein sicheres Handeln zu ermöglichen. Technische Mittel helfen hier nur bedingt. Durch personelle Unterbesetzung und Überlastung entstehen Sicherheitslücken, und wenn mehrere Lücken aufeinandertreffen, dann nehmen Patienten Schaden. Wir brauchen mehr Personal am Bett und in der Patientenversorgung. Und dieses Personal braucht mehr Zeit, um sich darüber auszutauschen, welche Maßnahmen notwendig und welche verzichtbar sind.

Außerdem muss es eine Sicherheitskultur geben, die auf Vertrauen setzt und Angst verhindert. Entscheidend für die Patientensicherheit ist, dass man offen darauf hinweisen kann, wenn etwas nicht optimal gelaufen ist. ist. Das ist ganz zentral! Man muss gerade auch auf die Dinge hinweisen, die schiefgelaufen sind und bei denen der Patient keinen Schaden erlitten hat. Eine Kultur der Angst verhindert, dass offen geredet und dass aus Beinahe-Schadensereignissen gelernt wird. Das Schaffen einer positiv-konstruktiven Atmosphäre ist eine wichtige Maßnahme, für die die Leitung der entsprechenden Einrichtung verantwortlich ist.

Welche Veränderungen sind im Gesundheitssystem zwingend nötig, um mehr Patientensicherheit zu erreichen?

Jonitz: Für uns in Deutschland ist ein grundlegender Strategiewechsel der Politik nötig. Sie hat vor ungefähr 20 Jahren einen rein finanzorientierten Wettbewerb im Gesundheitswesen angestoßen, der Druck auf Leistungsträger, Gesundheitsberufe, Krankenhausträger und die Krankenkassen ausübt: Nur wer schwarze Zahlen schreibt, überlebt. Dieser Wettbewerb schadet aber der Qualität der Patientenversorgung und untergräbt das Vertrauen in das gesamte System.

Wir brauchen statt der Dezimierung von Leistungsträgern eine Optimierung in der Versorgung. Dafür muss die Politik erstmal die Frage formulieren und beantworten, wie die optimale Versorgung für bestimmte Regionen aussieht. Versorgung findet nämlich regional von Menschen, durch Menschen und für Menschen statt – und nicht einheitlich durch Gremien auf der bundespolitischen Ebene. Solange die Politik hier die falschen Anreize setzt, werden wir keine grundlegenden Veränderungen durch gut gemeinte, aber relativ unwirksame, da ins Leere laufende Instrumente erreichen.

Das Interview wurde geführt von Nicole Kaufmann.
MEDICA.de