Pflegeschüler und Medizinstudenten üben den Notfall

05.06.2014
Foto: Junge Menschen beim Notfalltraining

Kein Platz für klassische Rollenbilder – in Greifswald trainieren Pflegeschüler und Medizinstudierende gemeinsam und in wechselnden Rollen. Profitieren sollen davon insbesondere die Patienten; ©Manuela Janke/ Universitätsmedizin Greifswald

Notfälle sind hochkomplexe, unerwartete und zeitkritische Ereignisse. Bevor es für junge Pflegekräfte und Mediziner ernst wird, durchlaufen sie jetzt in Greifswald ein gemeinsames Simulations-Training.

Erstmals trainieren seit kurzem in der Universitäts- und Hansestadt Pflegeschüler des 2. Lehrjahres der Beruflichen Schule an der Universitätsmedizin Greifswald (UMG) zusammen mit Medizinstudierenden in einem zweitägigen Intensivkurs den Notfall.

Der Vorstand der Universitätsmedizin Greifswald hat das Projekt von Anfang an aktiv unterstützt. „Das berufsübergreifende Training schon in der Ausbildung wird dazu beitragen, die Patientensicherheit in der Notfallmedizin weiter zu erhöhen. In kritischen Situationen richtig miteinander zu agieren und zu kommunizieren, stellt an alle Beteiligte höchste Anforderungen und kann gar nicht früh genug geübt werden“, sagte der Ärztliche Vorstand, Dr. Thorsten Wygold. „Mit dem Schaffen einer solchen Gelegenheit durchbrechen wir auch bewusst althergebrachte Ausbildungsstrukturen und Rollenbilder.“

Das Überleben von Patienten in der klinischen Notfallmedizin hängt wesentlich von einer eingespielten Zusammenarbeit der beteiligten Gesundheitsberufe ab. Im Projekt wurde deshalb ein gemeinsames Lehrangebot für Medizinstudenten und Auszubildende der Pflege im Bereich der klinischen Notfallmedizin entwickelt, das im laufenden Sommersemester erstmals zum Einsatz kommt. „Medizinstudierenden wird ebenso wie Schülern der Gesundheits- und Krankenpflege während ihrer Ausbildung zu wenig handlungsbezogenes Wissen vermittelt“, sagte Prof. Konrad Meissner von der Klinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, der das interprofessionelle Projekt initiiert hat. „Und obwohl diese beiden Berufsgruppen später täglich in Notfallsituationen für den Patienten möglichst fehlerlos funktionieren müssen, gibt es bislang keine gemeinsamen Ausbildungsmöglichkeiten. Das wollten wir ändern!“

In den neuartigen Notfall-Kursen wird der Ernstfall in einem Simulationszentrum an zwei Tagen mit wechselnden Rollen, mit lebensechten Puppen und professionellem OP-Equipment trainiert. Auszubildende und Studierende werden mit unterschiedlichen authentischen Notlagen konfrontiert - beispielsweise einem frischoperierten Patienten mit plötzlicher Atemnot - und müssen diesen Vorfall gemeinsam bewältigen. In 16 Trainingsstunden an zwei Tagen werden insgesamt acht Fallszenarien trainiert. Das gemeinsame Agieren und die Kommunikation miteinander sowie mögliche Fehler werden anschließend per Videoanalyse ausgewertet.

„Sowohl die Pflegeschüler als auch die Studierenden erlernen in ihrer Ausbildung notfallmedizinische Handlungs- und Entscheidungsschritte, die als grundlegende Abläufe bekannt und von elementarer Bedeutung sind. Die Wirklichkeit hält jedoch viele menschliche Überraschungen bereit“, so Oberarzt Dr. Martin von der Heyden, „auf die die meisten nicht ausreichend vorbereitet sind. Es geht um die sogenannten non-technical-skills, die Fähigkeit zur Zusammenarbeit im Team, zur richtigen Einschätzung der Situation und zum Treffen von angemessenen Entscheidungen innerhalb kürzester Zeit.“

Wer vergibt Aufgaben? Werden Anweisungen klar kommuniziert? Auf welche Weise wird Rückmeldung gegeben? Da muss es klare Regeln geben, die dann in der Extremsituation auch zur Anwendung kommen. Alle relevanten Abläufe können an programmierbaren Simulatorpuppen lebensecht dargestellt und durchgespielt werden. Fehler haben in dieser Phase keine negativen Auswirkungen, dafür aber einen nachweislich länger anhaltenden Lerneffekt. Die Teilnehmer erhalten ein professionelles Feedback ihrer Instruktoren und können über das Video-Debriefing ihr eigenes Verhalten, ihre Stärken und Schwächen reflektieren.

Die ersten Erfahrungen nach dem Start des gemeinsamen Notfalltrainings sind fast durchweg positiv. „Beide Berufsgruppen empfinden es als eine große Bereicherung, miteinander ihr Wissen in einer gespielten Krisensituation austesten zu können. Das Interesse daran ist sehr groß, wie auch die schnell ausgebuchten Kurse belegen“, so Meissner. „Die bessere interprofessionelle Zusammenarbeit der Berufsgruppen ist vor allem ein Gewinn für die Patienten und sollte fester Bestandteil der medizinischen Ausbildung werden.“

MEDICA.de; Quelle: Ernst-Moritz-Arndt-Universität Greifswald