Physiotherapie: "Wir möchten prognostische Aussagen besser darstellen können"

Interview mit Moritz Müller, MSc / Trainer, SonoSkills - excellence in musculoskeletal ultrasound training

16.11.2016

Einen Ultraschall kennen die meisten Patienten von ärztlichen Untersuchungen her, beim Physiotherapeuten rechnen bisher die wenigsten damit. Genau das möchte Moritz Müller von der Firma sonoskills ändern. In seinem Vortrag in der MEDICA PHYSIO CONFERENCE hat er den Zuhörern den muskuloskelettalen Ultraschall nähergebracht.

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Moritz Müller; © beta-web/Wart

Herr Müller, Sie haben unter dem Titel "Greifbares sichtbar machen" in der MEDICA PHYSIO CONFERENCE erklärt, wie Physiotherapeuten auch mit Ultraschallgeräten arbeiten können. Wie funktioniert das genau?

Moritz Müller:
Die muskuloskelettale Ultraschalldiagnostik ist keine neue Erfindung in der Physiotherapie. Sie wird bereits seit Jahrzehnten in der Medizin eingesetzt und ist somit wissenschaftlich evaluiert. Die Idee ist, das Verfahren in der Physiotherapie als Unterstützung zu normalen physiotherapeutischen Diagnostik zu nutzen. Wir möchten prognostische Aussagen besser darstellen können und die Therapie beziehungsweise den Therapieverlauf gleichzeitig evaluieren. Die Ultraschalldiagnostik gibt uns eine Zusatzinformation bezüglich eines optimalen und differenzierten Therapiemanagements. Denn eine Sache ist klar: Je exakter die Diagnose und je exakter die Indikationsstellung, desto spezifischer können die eingeleiteten Therapiemaßnahmen sein.

Wie häufig führen Sie selbst einen Ultraschall durch?

Müller:
In der Regel kann ich den Ultraschall im Berufsalltag bei etwa 50 Prozent der Patienten sinnvoll einsetzen. Bei einer Schulterverletzung oder einer Sehnenpathologie führt man zum Beispiel zunächst eine Eingangsuntersuchung durch. Während der Therapie werden wiederum in Intervallen Ultraschalluntersuchungen durchgeführt, um zu sehen, ob die Therapie positive Veränderungen in struktureller und funktioneller Hinsicht bewirkt. Das kann bei akuten Entzündungen im Sehnenbereich innerhalb weniger Tage sein, für ein Langzeit-Follow-up können auch Wochen oder Monate zwischen den einzelnen Untersuchungen liegen.

Wie weit verbreitet ist das Verfahren in der Physiotherapie?

Müller:
Das ist sehr länderspezifisch. In Deutschland ist es relativ neu, hier sind wir auch die einzige Institution, die das Konzept auch in der Physiotherapie unterrichtet. In den Beneluxländern wird es von Physiotherapeuten hingegen schon seit einigen Jahren angewendet. Auch in England ist das Verfahren in der Physiotherapie schon seit knapp 20 Jahren etabliert. Ich wünsche mir deshalb, dass mein Vortrag hier auch die Physiotherapeuten in Deutschland wach rüttelt und die Arbeit dieser Leute durch das Verfahren revolutioniert wird. Wir bekommen ja auch viele Patienten aus dem Hausarztbereich mit relativ unspezifischen Diagnosen. Hier nützt die Ultraschalluntersuchung besonders. Es ist eben ein großer Unterschied, ob es sich zum Beispiel um eine Sehnenpathologie im Sinne einer Entzündung oder um eine Verkalkung handelt. Das ist anhand mit den uns zur Verfügung stehenden Tests allerdings nicht zu klar zu unterscheiden. Das führt dann unter Umständen zu einer ungünstigen Behandlungsauswahl, die eigentlich nicht indiziert ist. Das bedeutet für den Patienten mit einer großen Wahrscheinlichkeit eher Verschlechterungen als Verbesserungen auf struktureller Ebene. Mit einer Ultraschalldiagnostik zu Beginn der Therapie kann man hingegen gut erkennen, worum es sich genau handelt. Die Patienten profitieren also.

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Das Interview führte Simone Ernst.
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