Polymedikation im Alter: Herausforderung für Urologen

02.07.2014
Foto: Medikamentenbox von oben fotografiert

Die meisten Senioren nehmen im Durchschnitt fünf und mehr Medikamente gleichzeitig ein, im Extremfall bis zu 15 Pharmaka; ©FotoBuehl/ panthermedia.net

Die Bevölkerung Deutschlands wird stetig älter. 2012 war bereits jeder Fünfte 65 Jahre oder älter. Mit zunehmendem Alter steigt jedoch auch die Multimorbidität, also das zeitgleiche Auftreten mehrerer chronischer und/oder akuter Erkrankungen. 62 Prozent der Deutschen in der Altersgruppe ab 65 Jahren sind von Multimorbidität betroffen.

Typische Erkrankungen sind zu hoher Blutdruck, Fettstoffwechselstörungen, Muskel- und Skeletterkrankungen. Die gutartige Prostatavergrößerung und Harninkontinenz gehören zu den millionenfach verbreiteten altersbedingten urologischen Erkrankungen. Dazu kommen oftmals psychische Störungen, Demenz und Depression. In der Folge nehmen die meisten Senioren im Durchschnitt fünf und mehr Medikamente gleichzeitig ein, im Extremfall bis zu 15 Pharmaka, was gemeinhin als Polymedikation bezeichnet wird und aufgrund gefährlicher Wechselwirkungen eine Herausforderung für Haus- und Fachärzte darstellt.

Durch Wechselwirkungen der unterschiedlichen Arzneimittel kann es zu ernsten unerwünschten Wirkungen oder zur Verminderung des therapeutischen Effekts einzelner Wirkstoffe kommen. Medikamente zu finden, die miteinander harmonieren und diese in einer dem alternden Organismus adäquaten Dosierung zu verordnen, ist eine interdisziplinäre Herausforderung. „Auch wir Urologen stehen angesichts der Polymedikation vor einem Dilemma. Denn wir müssen nun unsere Medikation wie Alpha-Blocker, Medikamente zur Behandlung des Prostatakarzinoms oder der Harninkontinenz in das therapeutische Gesamtkonzept integrieren, ohne unerwünschte oder sogar gefährliche Neben- und Wechselwirkungen auszulösen“, sagt DGU-Präsident Prof. Jan Fichtner.

Doch nicht allein die Gabe von vielen verschiedenen Medikamenten gleichzeitig ist problematisch. „Kompliziert wird die Situation vor allem bei hochbetagten Menschen“, erläutert Dr. Wolfgang Bühmann, Urologe und Pressesprecher des Berufsverbandes der Deutschen Urologen e.V. „Viele alte Menschen sind durch ihre verminderte Kommunikationsfähigkeit nicht mehr in der Lage, ihre Symptome präzise zu schildern, was die Diagnose- und Indikationsstellung erschwert.“ Zudem nehmen nur rund die Hälfte der Patienten ihre Medikamente mit dem Maß an Zuverlässigkeit ein, das zur Erreichung der Behandlungsziele erforderlich wäre.

Ein vermeidbares, rein merkantil begründetes Problem erhöht die Gefahr für die Patienten: Die Verträge der Krankenkassen mit den jeweils günstigsten Pharma-Anbietern haben zur Folge, dass der alte Patient immer wieder mit neuen Medikamenten zu tun hat, die zwar denselben Wirkstoff enthalten, aber ein neues Erscheinungsbild in Form und Farbe haben können. So entsteht vielfach ein Einnahme-Chaos, weil der Patient nicht mehr unterscheiden kann, welche der vielen Pillen er morgens, mittags oder abends nehmen soll. Gerade bei älteren Patienten ist es von daher notwendig, anhand eines aktuellen und vollständigen Medikationsplans zu prüfen, ob das geschilderte Symptom des Patienten Nebenwirkung einer bisherigen Therapie oder tatsächlich eine neue Diagnose ist, die eine weiteres Medikament erfordert. Geschieht das nicht und wird ein weiteres Mittel verordnet, entsteht oftmals eine Verschreibungskaskade, die, inklusive der Selbstmedikation mit Schmerzmitteln oder pflanzlichen Mitteln, das Risiko von pharmakodynamischen oder pharmakokinetischen Wechselwirkungen erheblich erhöht.

„Für uns Urologen spielt die ganzheitliche Einschätzung des Patienten hinsichtlich der Arzneimittelversorgung eine entscheidende Rolle, da selbst kleine Unstimmigkeiten im Medikationsprozess das therapeutische Ergebnis infrage stellen oder Schäden hervorrufen können“, sagt Fichtner. Für den Urologen gilt, beim älteren Patienten Symptome zu erkennen, die auf Polymedikation zurückzuführen sind und potenziell inadäquate Medikation, wenn möglich, von vornherein zu vermeiden. Grundlage dafür ist unter anderem die vollständige Erfassung der Medikation einschließlich der Selbstmedikation und der potenziell aufgetretenen unerwünschten Arzneimittelwirkungen.

MEDICA.de; Quelle: Deutsche Gesellschaft für Urologie e.V.