Prävention: digitale Helfer für die digitale Arbeitswelt

Interview mit Oliver Hasselmann, Referent Forschung & Entwicklung, Institut für Betriebliche Gesundheitsförderung BGF GmbH

01.07.2016

Belastung oder Erleichterung? Die Digitalisierung der Arbeitswelt ist beides, denn wir können einerseits immer besser und öfter erreicht und, zumindest in einigen Bereichen, auch immer besser durch maschinelle Arbeit ersetzt werden. Digitale Tools können uns aber auch unterstützen, indem sie etwa unsere Körperfunktionen messen und uns warnen, wenn wir unsere Gesundheit gefährden.

Foto: Lächelnder Mann mit kurzen braunen Haaren und Brille - Oliver Hasselmann; Copyright: BGF-Institut

Oliver Hasselmann; ©BGF-Institut

Im Interview mit MEDICA.de erklärt Oliver Hasselmann, wie sich gesundheitliche Prävention in der Arbeitswelt 4.0 verändert und welche Rolle Wearables dabei spielen.

Herr Hasselmann, welche Herausforderungen stellt die Arbeitswelt 4.0 an Unternehmen und Arbeitnehmer hinsichtlich der Prävention und der betrieblichen Gesundheitsförderung?

Oliver Hasselmann: In allen Arbeitsbereichen findet ein Wandel statt. Das betrifft einerseits Arbeitsbedingungen, die Arbeitsgestaltung und die Arbeitsorganisation. Andererseits kommen ganz neue Aspekte hinzu, die wir vorher nicht kannten, wie die Schnittstelle zwischen Menschen und Robotern, die zusammenarbeiten. Auch ergonomische Hilfsmittel wie Exoskelette oder Sensoren, die am Körper getragen werden, nehmen Einfluss auf die Arbeitsbedingungen 4.0. Wesentlich sind auch die Entwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologien, die die Arbeit zeitlich und räumlich entgrenzen. Dies kann zu psychischen Belastungen führen, wenn Beschäftigte einem Flexibilisierungszwang unterliegen. Richtig ausgestaltet können sie aber auch die Work-Life-Balance fördern und das Wohlbefinden steigern. Insgesamt sind die Entwicklungen, bezogen auf die Gesundheit der Beschäftigten, die Prävention und die Gesundheitsförderung sehr ambivalent. Es liegt an der Gestaltung, ob wir diese neuen Aspekte als Herausforderung oder als Chance nutzen.

Kürzlich wurde das Projekt "Prävention 4.0" unter Federführung des Instituts für Betriebliche Gesundheitsförderung gestartet. Was ist sein Ziel?

Hasselmann: Zu Beginn des Projektes identifizieren wir die Handlungsfelder, die im Zuge der Digitalisierung und der Prozesse in der Arbeitswelt 4.0 Einfluss auf Prävention und Gesundheitsförderung haben. In einem zweiten Schritt werden Maßnahmen und Instrumente entwickelt, die helfen, in der Digitalisierung gute und gesundheitsförderliche Arbeitsbedingungen und -verhältnisse zu schaffen. Das Projekt läuft bis Ende 2018. In dieser Zeit führen wir etwa 70 bis 100 Interviews mit Experten durch. Es wird außerdem eine Reihe von Zukunftsworkshops mit Vertretern aus Unternehmen und Verbänden, Politik und Wissenschaft geben sowie eine quantitative Befragung unter Betriebsärzten und Fachkräften für Arbeitssicherheit.

Die Ergebnisse dieser Arbeit führen wir in einem Leitfaden für Unternehmen zusammen. Dabei richten wir den Fokus nicht auf die großen Industriebetriebe, die im Thema "4.0" teilweise schon weiter vorangeschritten sind. Uns geht es um kleinere und mittlere Unternehmen sowie Handwerksbetriebe, denen wir für die Digitalisierung Hilfe anbieten.

Warum genügen bekannte Präventionsmaßnahmen letztendlich nicht mehr?

Hasselmann: In der Arbeitswelt 4.0 ändern sich die Arbeitsbedingungen gewaltig. Ganze Wertschöpfungsketten werden komplett automatisiert, steuern sich selbst und treffen optimierte Entscheidungen in Echtzeit. Das wirkt sich gravierend auf die Arbeitsbedingungen der Beschäftigten aus, denn es verändert die Rollenverteilung: Taktet die Maschine den Arbeitstag oder ist der Mensch noch Herr darüber? Hat er überhaupt noch Eingriffsmöglichkeiten? Wie verändern sich seine Handlungsspielräume? Das sind nur einige Fragen im Zuge der 4.0-Diskussion. Prävention muss diese Veränderungen frühzeitig erkennen und neue Belastungen ebenso identifizieren, wie neue Ressourcen für die Gesundheit der Beschäftigten. Ziel ist es auch in der Arbeitswelt 4.0 die Belastungen zu minimieren und die Ressourcen zu fördern.

Foto: Schreiner arbeitet an einer Tischsäge; Copyright: panthermedia.net/Marko Volkmar

Wearables könnten nicht nur die Vitalwerte der Angestellten messen, sie können auch der Sicherheit dienen: Sensoren, die der Angestellte trägt, können Maschinen erst freigeben, wenner tatsächlich in der Nähe ist, oder auch bei Gefahr ausschalten; © panthermedia.net/Marko Volkmar

Ein Teil des Projekts beschäftigt sich auch mit digitalen Helfern und Wearables. Welche Möglichkeiten bieten diese denn in der Prävention?

Hasselmann: Die Möglichkeiten der Wearables sind so vielfältig wie ihre Erscheinungsform, aber auch ambivalent.

Ein Beispiel wäre eine Datenbrille: Diese kann Beschäftigte bei komplexen Arbeitsvorgängen unterstützen, indem sie notwendige Informationen in ihrem Sichtfeld anzeigt und sie so anleitet. Untersuchungen zeigen aber auch, dass der ständige beziehungsweise dauerhafte Gebrauch von Datenbrillen gesundheitliche Belastungen wie Kopfschmerzen, Augenprobleme und Konzentrationsstörungen mit sich bringt.

Speziell für die Gesundheitsförderung ist das Self-Tracking interessant, das Messen der eigenen Vitalwerte. Viele Menschen machen das schon freiwillig in ihrer Freizeit. Am Arbeitsplatz könnte das zum Beispiel heißen, dass Stressparameter gemessen werden, mit denen dann der Arbeitgeber oder sogar ein Programm den Einsatz des Mitarbeiters planen können – je nachdem, wie belastbar er ist. Weiterhin bieten solche Parameter auch die Möglichkeit, gesundheitsförderliche Angebote optimal zu konfigurieren, zielgruppengerecht oder individuell zu steuern und dementsprechend effektiver zu gestalten.

Auch die Arbeitssicherheit kann unterstützt werden. Sensoren in der Schutzkleidung könnten mit Maschinen am Arbeitsplatz verknüpft werden. Diese würden erst dann anspringen, wenn die Kleidung richtig getragen wird und sich ein Beschäftigter in einem gewissen Radius um den Arbeitsplatz befindet. Ein weiteres interessantes Beispiel ist die Hose des Waldarbeiters, die über ihre Sensoren mit der Kettensäge kommuniziert. Kommt die Kettensäge der Hose zu nah, wird sie durch die Sensoren gestoppt.

Sehen Sie hier Gefahren für den Datenschutz?

Hasselmann: Natürlich gibt es hier ebenfalls eine Ambivalenz zwischen totaler Transparenz und Kontrolle durch den Arbeitgeber, aber auch wieder sehr hilfreichen und förderlichen Werten, die herangezogen werden können, um einen gesundheitsförderlichen Lebensstil zu unterstützen. Hier in Deutschland können Gewerkschaften, Betriebs- und Personalräte diese Kontrolle minimieren oder regulieren.

In anderen Ländern, zum Beispiel in Asien und Südamerika, hat es sich unter dem Stichwort "People Analytics" bereits etabliert, dass die Daten von Beschäftigten gesammelt und von den Arbeitgebern ausgewertet werden. Dabei ist nicht davon auszugehen, dass dies zum Wohle der Beschäftigten geschieht, sondern vielmehr, um die Produktivität zu steigern. Am Ende ist das sehr kurz gedacht, denn die qualifizierten Beschäftigten sind das wesentliche Kapital für Zukunfts-, Innovations- und Wettbewerbsfähigkeit.

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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