Prerehabilitation: Fit in den OP

Interview mit Univ.-Prof. Dr. Wilhelm Bloch, Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Deutsche Sporthochschule Köln

24/10/2016

Prerehabilitation gewinnt in der Medizin immer mehr an Bedeutung. Sie hilft, Patienten auf bevorstehende Behandlungen und Operationen vorzubereiten, beugt damit Risiken und Komplikationen während einer OP vor und ermöglicht eine schnellere Rehabilitation.

Bild: Wilhelm Bloch; Copyright: Wilhelm Bloch/DSHS Köln

Univ.Prof. Dr.med. Wilhelm Bloch, Institut für Kreislaufforschung und Sportmedizin, Deutsche Sporthochschule Köln; © Wilhelm Bloch/DSHS Köln

Herr Prof. Bloch, was bedeutet Prerehabilitation?

Prof. Wilhelm Bloch: Prerehabilitation bedeutet in letzter Konsequenz Vorbereitungstraining für Patienten bei geplanten Behandlungen und Eingriffen.

Wann wird Prerehabilitation angewendet und bei wem?

Bloch: Die Anwendung einer Prerehabilitation ist sinnvoll bei Patienten, die durch ihre Grunderkrankung schon eingeschränkt sind und einen reduzierten Allgemein- oder Fitnesszustand haben. Sie findet vorwiegend vor Operationen Anwendung und hat eine Verbesserung der Ausgangssituation des Patienten zum Ziel. Im orthopädischen Sektor kann es beispielsweise darum gehen, an der Bewegungsfreiheit der Gelenke zu arbeiten, damit der Patient nach der OP schneller wieder aktiv werden kann. Das Ziel im internistischen Bereich besteht hingegen überwiegend darin, den Allgemeinzustand des Patienten mithilfe der Prerehabilitation zu verbessern, damit er relativ fit in den OP gehen kann.

Natürlich kann die Prerehabilitation auch vor anderen Behandlungen, wie beispielsweise vor der Chemotherapie, angewendet werden, was derzeit aber eher selten der Fall ist. Mit der Zeit wird sich ihre Anwendung aber auch immer weiter in diese Richtung entwickeln.

Wie viel Zeit nimmt sie in Anspruch?

Bloch: Es gibt kein definiertes Maß. Das hängt letztendlich damit zusammen, wie lange man mit dem Eingriff oder der Behandlung warten kann. Steht beispielsweise ein orthopädischer Eingriff bevor, besteht erfahrungsgemäß ausreichend Vorbereitungszeit, wohingegen einem Tumorpatienten nur wenig Zeit bleibt. Hier muss man dann abwägen, was den größeren Vorteil hat: Abwarten oder sofortige Operation. Es ist also immer fallabhängig. Allgemein aber lässt sich sagen, dass die Vorbereitungszeit im Schnitt etwa vier Wochen beträgt.

Inwiefern verbessert Prerehabilitation den Behandlungserfolg?

Bloch: Durch Prerehabilitation können während einer Operation Risiken vermindert und Komplikationen verhindert werden. Grundsätzlich kann man also sagen: Je fitter ein Patient ist, desto besser übersteht er die OP und verläuft insgesamt die Behandlung. Befindet er sich beispielsweise vor einer Gelenkoperation und zeigt schlechte Bewegungsmaße auf, ist es sinnvoll, an diesen schon vorab zu arbeiten. Denn nach der OP, das heißt nach dem Gelenkersatz, ist eine Verbesserung der Bewegungsmaße über die Ausgangssituation hinaus kaum noch möglich. Es ist also wichtig, schon vor der OP Maßnahmen zur Verbesserung vorzunehmen, um nach der OP einen größeren Erfolg erzielen zu können.

Bild: Frau liegt längst auf einer Liege. Ihr rechtes Bein wird von einem Mann bewegt, der neben ihr steht: Panthermedia.net/Wavebreakmedia

Den Bewegungsradius der Gelenke schon vor einer Gelenkoperation zu optimieren ist wichtig, um später bessere Erfolge erzielen zu können; © Panthermedia.net/Wavebreakmedia

Welche medizinischen Bereiche spielen eine wichtige Rolle?

Bloch: Die ganze Bandbreite der Physiotherapie, ihre verschiedenen Ansätze, und auch die Sporttherapie ist Bestandteil in der Prerehabilitation.

Inwiefern fördert die Prerehabilitation die Rehabilitation?

Bloch: Prerehabilitation und Rehabilitation sind zwei aufeinanderfolgende Ketten: Ein Patient, der schon vor der Operation fitter gemacht wird, wird die OP in der Regel besser überstehen und kann schon viel früher wieder in der Rehabilitation gefordert werden. Er lässt sich also insgesamt schneller und besser "rehabilitieren".

Macht der Aufwand einer Prerehabilitation sich bezahlt, finanziell wie medizinisch?

Bloch: Ich bin mir sicher, dass die Prerehabilitation durchaus sinnvoll ist. Mit nur wenig Aufwand können Operationserfolge erzielt, Risiken gemindert und Komplikationen während der OP verhindert werden. Und auch wenn es nur in ein paar Prozent der Fälle zum Tragen kommt, macht es sich auf jeden Fall bezahlt, da habe ich überhaupt keine Zweifel.

Welchen Status hat die Prerehabilitation heute in der Forschung und Anwendung?

Bloch: Die Prerehabilitation hat einen wachsenden Status. Wir können ihr Potenzial aber noch viel weiter ausschöpfen, wenn wir sie konsequenter anwenden und systematisch in der Medizin miteinbeziehen. Meiner Ansicht nach ist die Prerehabilitation etwas, was wir für die Zukunft einfach verstärkt bedenken müssen.

Das Interview wurde geführt von Nicole Kaufmann.
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