Produktivitätssteigerungen durch Medizintechnologien

11.07.2014
Iris Gleicke, Parlamentarische Staatssekretärin beim BMWi

Gesundheitswirtschaft mit hoher Ausstrahlungskraft; © BMWi/Susanne Eriksson

Zwei neue Gutachten des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie (BMWi) zeigen die große ökonomische Bedeutung der Gesundheitswirtschaft und die überragende Rolle des medizintechnischen Fortschritts für Produktivitätssteigerungen im Gesundheitssystem und für die Volkswirtschaft insgesamt.

Die vorgelegte "Gesundheitswirtschaftliche Gesamtrechnung" zeigt, dass die Branche rund sechs Millionen Menschen Beschäftigung bietet. Weitere drei Millionen Arbeitsplätze hängen in anderen Branchen davon ab. Damit ist die Gesundheitswirtschaft einer der größten Wirtschaftssektoren in Deutschland. "Sie ist eine hoch innovative Branche mit deutlicher Ausstrahlkraft auf andere Bereiche. Das betrifft nicht zuletzt die Verringerung des Krankenstandes und damit der indirekten Krankheitskosten", so die Parlamentarische Staatssekretärin im Wirtschaftsministerium, Iris Gleicke, bei der Vorstellung der Gutachten in Berlin.

Dr. Dennis Ostwald vom Institut WiFOR stellte die Weiterentwicklung des Gesundheits-Satellitenkontos zu einer gesundheitswirtschaftlichen Gesamtrechnung vor, die in Zusammenarbeit mit der TU Berlin und Roland Berger erfolgte. Er sprach von einem "Paradigmenwechsel": Der Gesundheitssektor wird nicht mehr länger als Kostenfaktor betrachtet, sondern als wichtiger Wirtschaftsfaktor, "der gerade in Krisenzeiten stabilisierend wirkt". Insgesamt wird jeder neunte Euro des Bruttoinlandprodukts in der Gesundheitswirtschaft erwirtschaftet. Das entspricht einem Anteil von rund 11 Prozent. Von 2006 bis 2011 ist die Branche dabei fast doppelt so stark gewachsen wie andere Wirtschaftsbranchen. Der Anteil der Branchen an den deutschen Exporten beträgt 6,4 Prozent. Der positive Außenhandelsbeitrag beträgt 13,6 Milliarden Euro. Hinzu komme eine "hohe Ausstrahlungswirkung der deutschen Gesundheitswirtschaft auf viele andere Branchen", so Ostwald. Jeder siebte Beschäftigte arbeitet in der Gesundheitswirtschaft, insgesamt rund 5,7 Millionen Erwerbstätige. Jährlich entstehen rund zwei Prozent zusätzliche Arbeitsplätze. 3,1 Millionen Jobs in anderen Bereich sind indirekt vom Gesundheitssektor abhängig. Bei den Beschäftigtenzahlen liegt die Medizintechnik deutlich vor dem Pharmasektor. Ab dem Jahr 2020 prognostiziert das Gutachten einen deutlich zunehmenden Fachkräfte-Engpass, der vor allem den Pflegebereich und weniger den ärztlichen Bereich betreffen wird. Ostwalds Fazit: "Die Gesundheitswirtschaft ist nicht nur ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, sondern ein Stabilisator in Krisenzeiten. Die Gesundheitswirtschaft muss daher stärker im Kontext der Wirtschaftspolitik betrachtet werden. Wir brauchen eine Gesundheitswirtschaftspolitik."

Markus Schneider vom Institut BASYS präsentierte die Ergebnisse des Gutachtens zur Produktivität der Gesundheitswirtschaft, das gemeinsam mit den Instituten IEGUS und GÖZ im Auftrag des Bundeswirtschaftsministeriums erstellt wurde. Schneider bezeichnete das geringe Produktivitätswachstum als die "Achillesferse Europas". Kostensenkungseffekte des technischen Fortschritts in der Gesundheitswirtschaft auf die Finanzierung des Gesundheitssystems würden kaum beachtet werden. Das Gutachten zeige, dass der medizinisch-technische Fortschritt (MTF) die Gesundheit durch eine Produktivitätssteigerung der Menschen erhöhe. Die Medizintechnik weise eine sehr hohe Produktivität auf. Sein Appell: "Wir müssen uns von der rein sektoralen Betrachtung der Medizintechnik lösen und die Krankheitskostenrechnung einbeziehen, um die Effekte nachvollziehen zu können." Ein Ergebnis der Untersuchung: Der MTF erhöht Produktion und Wertschöpfung und verbessert dadurch die Einnahmebasis der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV) und der Rentenversicherung (RV). Der medizintechnische Fortschritt habe für GKV und RV in den Jahren 2002 bis 2010 real 22 Milliarden Euro Einnahmen generiert - ohne indirekte und induzierte Effekte. Die Produktivitätssteigerungen im Krankenhausbereich führte Schneider ausschließlich auf MTF zurück.


MEDICA.de; Quelle: Bundesministerium für Wirtschaft und Energie