Prostatakrebs: Schonende Entfernung durch Irreversible Elektroporation

Interview mit Prof. Michael K. Stehling, Prostata Center in Offenbach am Main

In vielen Fällen führt die Diagnose Prostatakrebs zur Entfernung des gesamten Organs. Einige Therapien ziehen schwere Folgen wie Impotenz oder Inkontinenz nach sich. Dabei stoppt der Eingriff den Krebs nicht immer völlig. Mediziner diskutieren aus diesem Grund, ob radikale Maßnahmen überhaupt notwendig sind. Immerhin wächst das Prostatakarzinom nur sehr langsam.

08.10.2014

Foto: Michael K. Stehling

Prof. Dr. Michael K. Stehling; © Prostata Center Offenbach am Main

Die NanoKnife®-Therapie, die am Prostata Center in Offenbach am Main praktiziert wird, entfernt die Krebsherde gegenüber der Prostatektomie oder der Strahlentherapie auf schonende Art und Weise. Prof. Michael K. Stehling erläutert im Interview mit MEDICA.de die Vorteile des fokalen Therapieverfahrens.

Prof. Stehling, welche Motivation lag der Gründung eines Zentrums ausschließlich zur Behandlung und Diagnose von Prostataerkrankungen zugrunde?

Michael K. Stehling: Das Prostata-Center wurde 2010 von mir gegründet. Motiviert wurde ich durch meinen Kollegen und Freund Prof. Ducksoo Kim von der Boston University. Die Idee basierte auf unserer gemeinsamen Arbeit an der Harvard Medical School in den neunziger Jahren. Für uns war schon früh klar, dass die bis dahin existierenden Diagnoseverfahren und die mit massiven Nebenwirkungen verbundenen Behandlungsmethoden von Prostatakarzinomen unpräzise und unangenehm waren und heute noch sind.

Welche Technologie wird bei der NanoKnife®-Therapie eingesetzt?

Stehling: Die Technologie, die hinter der NanoKnife®-Therapie steckt, nennt sich Irreversible Elektroporation (IRE). Bei der IRE werden sehr starke elektrische Felder eingesetzt, um in Zellmembranen Poren zu induzieren. Je stärker die elektrischen Felder und je höher die Pulse, die auf die Zelle einwirken, desto größer werden diese. Irgendwann schließen sie sich nicht mehr. Es dringt Wasser in die Zelle ein, bis sie zerplatzen. Das Entscheidende bei diesem Verfahren ist, dass es sich um ein nicht-thermisches Ablationsverfahren handelt. Auf diese Art und Weise werden nur die betroffenen Zellen zerstört. Der Vorteil ist, dass die Gewebeinfrastruktur, also alles andere, was Gewebe ausmacht wie Fasern, die interstitielle Matrix oder Basalmembranen, erhalten bleibt. Mit anderen Thermoablationsverfahren, wie zum Beispiel der Radiofrequenzablation oder Kryoablation, wird das Gewebe eingeschmolzen. Es werden alle Gewebeelemente zerstört und dieser eingeschmolzene Gewebeklumpen wird dann durch einen Entzündungsprozess von außen abgebaut. Dabei kommt es erstens zum typischen Wundschmerz und zweitens zu erheblichen Vernarbungen. Ähnlich problematisch sieht es bei Strahlentherapie aus. Bei der IRE hingegen gibt es weder Schmerzen noch Vernarbungen, weil der Entzündungsprozess nicht ausgelöst wird. Man bezeichnet dies auch als "induzierte Apoptose".
Foto: Anwendung der IRE im Operationssaal

Anwendung der NanoKnife®-Therapie im Operationssaal; © Prostata Center Offenbach am Main

Wie wird das Prostatakarzinom entfernt?

Stehling: Im Gegensatz zur Prostatektomie wird bei der IRE der Bauchraum beziehungsweise das Becken nicht chirurgisch eröffnet. Stattdessen führt man Elektroden durch kleine Löcher in der Haut über den Beckenboden in die Prostata ein. Die Elektroden werden so platziert, dass sie ein Behandlungsfeld generieren, das genau die Bereiche in der Prostata einschließt, in denen sich die Karzinomherde befinden. Dazu muss man natürlich sehr genau wissen, wo sich die Karzinomherde befinden. In der Hinsicht spielt die Diagnostik eine entscheidende Rolle. Der gesamte Eingriff mit der IRE sowie Überwachung und Kontrolle dauert dann nicht länger als 24 Stunden.

Welche Diagnoseverfahren werden im Prostata Center eingesetzt?

Stehling: Die Diagnose bei fokalen Therapieverfahren ist aufwendiger als bei radikalen. Ein wesentlicher Bestandteil der Diagnose am Prostata Center ist die Kernspintomografie, also das Endorektal-MRT. Die Nachweisgenauigkeit liegt hier bei etwa 85 Prozent. Die MRT ist allerdings nur in der Lage, makroskopische, das heißt zwei-drei Millimeter große, Herde darzustellen. Wenn man mikroskopische Herde nachweisen möchte, dann gibt es die sogenannte transperineale 3D-Biopsie. Das ist eine durch den Beckenboden ausgeführte systematische Biopsie, bei der man exakt alle fünf Millimeter eine Probe entnimmt. Je nachdem wie viele Proben entnommen werden, können wir diese in einem speziellen Computerprogramm wieder zusammenfügen und erhalten damit ein histologisches Modell. Wir erstellen also mit Hilfe von MRT und 3D-Biopsie ein Mapping der relevanten Karzinomherde oder möglicherweise auch aller Herde, die sich zu diesem Zeitpunkt in der Prostata befinden. Diese werden dann fokal mit der IRE beseitigt.
Foto: Behandlungsfeldsimulation in 2D und 3D-Auflösung

Behandlungsfeldsimulation in 2D und 3D-Auflösung. Gut zu erkennen sind die Elektroden, die das Behandlungsfeld umschließen; © Prostata Center Offenbach am Main

Worin liegen die Vorteile im Vergleich zu den üblichen Therapiemaßnahmen wie Operation und Bestrahlung?

Stehling: Es treten wesentlich weniger Nebenwirkungen auf. Wir haben in der Gruppe der bisher 160 Behandelten keinen einzigen Patienten mit Inkontinenz vorzuweisen. Außerdem ist die Rate der Impotenzfolgen geringer als bei anderen Therapieverfahren. Oft ist die Impotenz auch nur temporär. Die Behandlung ist zudem innerhalb von 24 Stunden abgeschlossen. Die Patienten haben keine Wundschmerzen. Nach der IRE bleiben außerdem noch alle anderen Therapiemaßnahmen offen. Das heißt, wenn sie versagen würde, könnte man den Patienten immer noch operieren, bestrahlen oder mit HIFU (High-Intensity Focused Fltrasound) behandeln. Die IRE kann aber auch beliebig oft hintereinander durchgeführt werden. Das ist ein großer Vorteil, denn nach allen anderen Therapieformen, insbesondere der Strahlentherapie, ist dies nicht mehr, oder nur eingeschränkt möglich.

Können Sie sich vorstellen, dass die NanoKnife®-Therapie im breiten klinischen Feld zum Einsatz kommt, und Behandlungsformen wie Operation und Bestrahlung zumindest auf dem Bereich Prostatakrebs verdrängt?

Stehling: Ich hoffe doch sehr, dass die NanoKnife®-Therapie oder eine ähnliche schonende Therapie die radikale Therapie bei Prostatakrebs verdrängt. Die bisher durchgeführten Verfahren sind äußerst schlecht und bringen oft erhebliche Nebenwirkungen mit sich. Es gibt beträchtliche Rezidivraten und die Frage ist, ob sie dem Patienten überhaupt einen Überlebensvorteil bringen. Das ist bei vielen Tumorstadien anzuzweifeln und wird durch Statistiken belegt. Ich denke, dass die NanoKnife®-Therapie ein Zwischenstadium auf dem Weg zur tumorzellspezifischen Therapie ist. Ich bin mir sicher, dass innerhalb der nächsten zehn Jahre Methoden entwickelt werden, die in der Lage sind, Tumorzellen selektiv anzusprechen und gesunde Körperzellen zu verschonen. Die IRE ist bereits auf zellulärer Ebene selektiv, aber eben nicht tumorzellselektiv. Das Endziel ist somit noch nicht vollständig erreicht. Ich denke, das ist ein sehr wichtiger Faktor, denn im Moment gibt es einen Paradigmenwechsel in der Krebstherapie, der von den USA ausgeht. Dort geht man davon aus, dass Krebs eine chronische Erkrankung ist. In der Hinsicht liegt noch viel Arbeit vor uns.
Foto: Melanie Günther; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Melanie Günther
MEDICA.de