Qualität im Gesundheitswesen: "Es geht um das Wohl der behandelten Patienten"

Interview mit Dr. Karsten Neumann, IGES Institut GmbH

Die Qualität im Gesundheitswesen zu messen, ist nicht einfach. Sie zu steuern stellt nicht nur den Medizinsektor, sondern auch die Politik vor Herausforderungen. Am IGES Institut werden deshalb Mess- und Darstellungssysteme für die Qualität in Krankenhäusern sowie Konzepte zu ihrer Verbesserung entwickelt.

22.05.2014

Foto: Mann mit graumeliertem Haar und gestreiftem Anzug - Karsten Neumann

Dr. Karsten Neumann; ©IGES Institut GmbH

In einer Studie, die das Institut im Auftrag des Verbands der Ersatzkassen e.V. (VDEK) durchgeführt hat, zeigt IGES einige Lösungen aus dem Ausland und schlägt vor, wie sie in Deutschland umgesetzt werden könnten. MEDICA.de schaut mit dem Geschäftsführer Dr. Karsten Neumann über den Tellerrand und spricht über Lösungen, die das Wohl des Patienten stets im Auge behalten.

Herr Dr. Neumann, wie definieren Sie Qualität im Gesundheitswesen?


Karsten Neumann: Im gesundheitsökonomischen Ansatz wird zwischen Struktur-, Prozess- und Ergebnisqualität unterschieden. Wichtig ist vor allem die Ergebnisqualität, also die Resultate einer medizinischen Maßnahme. Es gibt aber auch weitere Aspekte, welche die Qualitätsmessung derzeit weniger berücksichtigt, die ein Patient aber durchaus betrachtet, bevor er sich für ein Krankenhaus oder eine Leistung entscheidet. Bei der Wahl einer Klinik kann auch schon die Nähe oder der Träger eines Hauses eine Rolle spielen. Und wer zum Beispiel keine Spritzen mag, entscheidet sich vielleicht eher für Tabletten. Patientenrelevante Aspekte werden aber auch zunehmend bei der Qualitätsmessung berücksichtigt.

Wie wird Qualität in Deutschland gemessen und gesteuert?

Neumann: Auf der stationären Ebene wird zurzeit viel gemessen. Seit mehr als zehn Jahren werden dort Qualitätsmessungen durchgeführt. Resultat sind über 430 Qualitätsindikatoren, die circa 20 Prozent des Leistungsgeschehens im Gesundheitswesen abbilden. Wir haben also hervorragende Qualitätsdaten. Es fehlt jedoch an der daraus folgenden, notwendigen Steuerung.

Die Messungen tragen jedoch nicht effektiv zur Qualität bei?

Neumann
: Bei der Steuerung sieht es leider nicht so gut aus, weil wir die Daten sehr wenig nutzen. Es gibt ein Instrument für die Krankenhäuser, den sogenannten strukturierten Dialog, bei dem man bei Auffälligkeiten auf Krankenhäuser zugeht, neue Ziele vereinbart, nach Lösungen und Erklärungen sucht. Es ist jedoch kein scharfes Instrument und bleibt meistens ohne Konsequenzen.

Viele der gemessenen Daten werden im Internet veröffentlicht – es gibt zum Beispiel den Kliniknavigator der AOK oder die Weisse Liste. Warum werden sie so wenig genutzt?

Neumann
: Zum einen sind diese Daten für Laien oft sehr schwer verständlich. Die Hoffnung, dass sich Patienten nach den Qualitätsmessungen richten würden, hat sich bislang kaum erfüllt. Zum anderen ist es so, dass die Krankenkassen durchaus wissen und aus den eigenen Daten ablesen können, wo ein Krankenhaus gute oder schlechte Qualität liefert. Sie dürfen jedoch keinerlei Konsequenzen daraus ziehen. Auf der institutionellen Ebene führt die Qualitätsmessung also kaum bis gar nicht zu einer Veränderung.
Foto: Patientin mit Gehhilfe im Krankenhaus

In Deutschland wird Qualität im Gesundheitswesen oft gemessen. Die Daten könnten jedoch noch viel besser zu ihrer Steuerung genutzt werden; ©panthermedia.net/ auremar

Liegt es etwa am mangelnden Personal?

Neumann
: Es liegt eher am mangelnden politischen Willen. Denn wenn wir es ernst nehmen, dann hat das natürlich Konsequenzen für die Krankenhausstruktur. Wenn man die Patienten dorthin steuert, wo gute Ergebnisse erzielt werden, dann steht die Abteilung anderswo auf einmal leer. Und vor diesen Konsequenzen fürchtet man sich. Es geht jedoch um das Wohl der behandelten Patienten, deswegen ist diese Furcht nicht tolerierbar.

An welchen internationalen Standards könnte sich Deutschland orientieren, um die Qualität in Krankenhäusern zu verbessern?

Neumann
: Vorab sei betont, dass unsere Krankenhäuser sehr gute Leistungen erbringen, allerdings regional sehr unterschiedlich ausgeprägt. In der Studie haben wir daher einmal weit über den Tellerrand geschaut und einige Beispiele aus dem Ausland genannt, wo man Qualität im Gesundheitswesen besser steuert. Dabei sind uns zwei Faktoren aufgefallen: Erstens wird in diesen Ländern viel Aufwand betrieben, um Qualität zu messen und zu vergleichen. Zweitens scheut man sich nicht, mit den Daten viel konkreter und nachvollziehbarer für Patienten an die Öffentlichkeit zu gehen.

Außerdem finden wir in anderen Ländern oft mehr Selbstkritik im Gesundheitswesen. In Holland und Kanada prüfen beispielsweise die Gesundheitsministerien regelmäßig Qualitätsindikatoren und vergleichen sie öffentlich mit den Ergebnissen anderer Länder. Solche kritischen Reflexionen sind wichtig, um herauszufinden, wo und wie man besser werden kann.

Welches Konzept schlägt das IGES Institut vor?

Neumann
: Im stationären Bereich brauchen wir zunächst Mindestqualitätsstandards auf Basis der bestehenden Indikatoren. Anschließend werden in unserem Konzept die Kliniken ermittelt, die diese Werte verfehlen. Diese würden dann die Möglichkeit erhalten, sich innerhalb eines Zeitraums zu verbessern. Wenn der gewünschte Wert dennoch nicht erreicht wird, sollte die gegebene Leistung in diesem Krankenhaus nicht mehr erbracht werden dürfen. Bei extrem schlechten Ergebnissen könnte auch ein sofortiger Entzug der Erlaubnis für eine bestimmte Leistung möglich sein.

Auf diese Weise würden sich Kliniken auf einzelne Leistungen spezialisieren.

Neumann
: Das kann passieren, es soll jedoch ausgewogen sein. Wenn man also den schlechtesten Kliniken die Leistung wegnimmt, dann muss sie woanders erbracht werden. Darum sollte es für die besten Kliniken die Möglichkeit geben, Selektivverträge mit den Krankenkassen abzuschließen. Die Menge der Leistungen soll also gar nicht beeinflusst werden. Dabei geht es um das Wohl des Patienten, der dann nur eine gute Leistung bekommen kann.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska. 
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