RESCUER: "Bei Großveranstaltungen soll die Menschenmenge aktiv an der Gewährleistung ihrer eigenen Sicherheit teilnehmen"

Interview mit Dr. Karina Villela, Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering IESE, und Prof. Paul Lukowicz, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI)

Tausende Menschen drängen sich durch einen engen Tunnel: Bei dem Unglück auf der Loveparade 2010 in Duisburg starben auf diese Weise 21 Personen und weitere Hunderte wurden verletzt. Heute weiß man, dass solche Katastrophen sich verhindern ließen, wenn die Kommunikation zwischen den Veranstaltungsteilnehmern und den Einsatzkräften besser wäre.

01.04.2014

Foto: Lächelnde Frau mit dunklen Haaren und gestreifter Bluse - Dr. Karina Villela

Dr. Karina Villela; ©Fraunhofer IESE

Im brasilianisch-europäischen Projekt RESCUER wird daher nun eine Kommunikationsplattform entwickelt, mit deren Hilfe solche Notfallsituationen bei Großveranstaltungen vermieden werden sollen. Die Projektbeteiligten arbeiten an einer intelligenten Informationstechnologie, mit der die Veranstaltungsteilnehmer selbst zu ihrer eigenen Sicherheit beitragen können.

MEDICA.de sprach mit Dr. Karina Villela vom Fraunhofer Institut für Experimentelles Software Engineering IESE und Prof. Paul Lukowicz vom Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) über die Kommunikationslösung und ihren Einsatz bei der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien.

Frau Dr. Villela, in dem internationalen Projekt RESCUER arbeiten Sie an einer Kommunikationsplattform, die Leben retten soll. Wie kann man sich das vorstellen?

Dr. Karina Villela: Schadensereignisse bei Großveranstaltungen und in Industriegebieten können immense Auswirkungen auf Menschenleben, Sachwerte und die Umwelt haben. In kritischen Situationen ist schnelles Reagieren unabdingbar, um Schaden abzuwenden. Man denke nur an die Vorfälle bei der Love Parade in Duisburg 2010. Die Hauptherausforderung für eine Kommandozentrale besteht darin, schnell kontextrelevante Informationen über einen Notfall zu erhalten, damit die richtigen Entscheidungen getroffen werden können.

Das Projekt RESCUER will es Augenzeugen, Ersthelfern und Rettungskräften ermöglichen, der Kommandozentrale Informationen zu liefern, ohne sich selbst Risiken auszusetzen. In solch kritischen Situationen könnten Tausende von Bildern, Videos oder SMS an die Kommandozentrale geschickt werden. RESCUER wird daher auch über die Möglichkeit verfügen, Multimediadaten halbautomatisch zu filtern, zu kombinieren und zu analysieren, sodass die Kommandozentrale nur relevante Informationen erhält, die die Entscheidungsfindung beschleunigen.
Foto: Lächelnder älterer Mann mit grauem Anzug - Prof. Paul Lukowicz

Prof. Paul Lukowicz; ©DFKI

Außerdem wird RESCUER die Kommandozentrale dabei unterstützen, offizielle und korrekte Nachrichten über Schadensereignisse an die betroffene Gemeinschaft und an die Öffentlichkeit herauszugeben. Und schließlich soll die Ad-hoc-Kommunikation innerhalb der Menschenmenge unterstützt werden, für den Fall, dass die Kommunikationsinfrastruktur überlastet ist oder zusammenbricht. RESCUER wird also viel mehr als nur eine Kommunikationsplattform sein.

Herr Prof. Lukowicz, welche Rolle spielen das Fraunhofer IESE und das DFKI im Projekt RESCUER?

Prof. Paul Lukowicz: Die Projektleitung für das Konsortium mit insgesamt neun deutschen und internationalen Partnern liegt beim Fraunhofer IESE. Dessen Team hat die Aufgabe, menschliches Verhalten bei Notfällen in Industriegebieten und bei Großveranstaltungen zu untersuchen und eine Interaktionsstrategie und entsprechende Benutzerschnittstellen zu entwerfen, um das sichere und effiziente Übermitteln von Informationen durch die Menschenmenge am Ort des Vorfalls zu unterstützen. Das Fraunhofer IESE wird außerdem ein Datenqualitätsmodell für das Filtern und Zusammenführen von Informationen aus der Menschenmenge erstellen, damit andere Partner anschließend effiziente Datenanalysemethoden entwickeln können.

Meine Arbeitsgruppe am DFKI beschäftigt sich wiederum mit der Technik, die den Einsatz der Software auf einem Mobilfunkgerät und die Kommunikation zwischen Leitstelle und Apps ermöglicht. Dabei handelt es sich um Crowdsensing- und Management-Systeme, die weltweit bei Großveranstaltungen wie den Olympischen Spielen 2012 in London oder der Krönung des niederländischen Königs 2013 in Amsterdam eingesetzt wurden. Außerdem entwickeln wir ein sogenanntes Ad-hoc-Netzwerk, das den Datenaustausch innerhalb einer Menschenmasse ermöglicht, auch wenn das offizielle Netz nicht verfügbar ist.

Die Kommunikationsplattform ist vor allem für den Einsatz zum Krisen- und Notfallmanagement bei großen Veranstaltungen wie der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 in Brasilien geplant. Warum eignet sie sich dafür besonders gut?

Villela: Weil es bei solchen Großveranstaltungen große Menschenmassen gibt und die Menschen dabei ihre mobilen Geräte mitnehmen. Ihre Zahl übersteigt die der Sicherheitskräfte, Feuerwehrleute und Rettungskräfte bei weitem, und sie sind über den gesamten Veranstaltungsort verteilt. Somit kann die Kommandozentrale mit ihrer Hilfe überall Augen haben und sofort auf Notfälle oder Probleme reagieren.
Foto: Zuschauer im Stadion macht Handyfoto; Copyright: panthermedia.net/ Tyler Olson

Die neue Kommunikationsplattform gibt Menschen die Möglichkeit, Einfluss auf ihre eigene Sicherheit zu haben; ©panthermedia.net/ Tyler Olson

Welche Technik steckt hinter der Lösung von RESCUER?

Villela: Es werden mehrere Techniken kombiniert. Für die Kommunikationsinfrastruktur entwickeln das DFKI und unser brasilianischer Partner Universidade Federal da Bahia (UFBA) eine Peer-to-Peer Kommunikationsmethode auf Basis der vorhandenen WLAN-Fähigkeit der Mobiltelefone. Dabei soll eine bestimmte Anzahl von Geräten in WLAN-Zugangspunkte verwandelt werden, die dann lokale Netzwerke bilden können.

Um nicht nur die verschiedenen verwendeten Smartphone-Modelle zu berücksichtigen, sondern auch andere Variationen wie das spezielle Szenario (Großveranstaltung oder Industriegebiet) und die Rolle der Person in der Menge (Augenzeuge oder Rettungskraft), wird das Fraunhofer IESE eine Variationsmanagementstrategie für die mobilen Anwendungen definieren, aus denen die RESCUER-Plattform besteht.

Andere Projektpartner wie die Universität Madrid und die Universität von São Paulo werden erforschen, wie aktuelle Bild- und Videoanalysetechniken erweitert oder neue Techniken entwickelt werden können, um die Herausforderung der Analyse von Multimediadaten in Notfallsituationen zu meistern.

Wie benutzerfreundlich ist die neue Kommunikationsplattform?

Lukowicz: Die Benutzerfreundlichkeit der RESCUER-Plattform ist ein Schlüsselfaktor für ihren Erfolg.Sie ist in erster Linie eine Informations-App mit allen wichtigen Infos für die Besucher einer Veranstaltung. Beim Installieren der App wird gefragt, ob die Daten im Falle eines Notfalls zu Sicherheitszwecken genutzt werden dürfen. Auch wenn man sich dagegen entschließt, kann die Info-App genutzt werden.
Foto: Dicht besetzter Fanblock im Stadion; Copyright: panthermedia.net/Marion Ludwig

Die von der Menschenmenge gelieferten Fotos, Videos und Textnachrichten werden halbautomatisch gefiltert und an die Kommandozentrale weitergegeben; ©panthermedia.net/ Marion Ludwig

Für das Sammeln von Informationen durch eine Menschenmenge unter Stress hat das Fraunhofer IESE eine dreiteilige Strategie definiert: 1) voll automatischauf Basis von Sensordaten, 2) teilweise interaktivund 3) voll interaktiv. Dabei werden modernste Techniken für die Entwicklung mobiler Anwendungen sowie für Benutzererfahrung kombiniert, um Menschen in Stresssituationen eine intuitive Bedienung ihrer Smartphones zu ermöglichen.

Was passiert mit den gesammelten Daten nach der Veranstaltung?

Lukowicz: Die Daten, die wir mithilfe von Sensoren sammeln, sind keine individuellen, sondern nur aggregierte Daten in Form von Menschendichte oder Strömungsrichtungen in der Menge. Die Analyse dieser Informationen kann wichtige Aufschlüsse für den Umgang mit zukünftigen Schadensereignissen geben. Die Daten, die von den Menschen selbst in Form von Bildern oder Meldungen an die Kommandozentrale geschickt werden, unterliegen immer den Regeln des Datenschutzes. Die Genehmigung für deren Speicherung und Verwendung wird bereits im Vorfeld eingeholt.

Welche Bedeutung hat in dem Projekt der Begriff Crowdsourcing?

Villela: Im engeren Sinn bedeutet Crowdsourcing, dass etwas "freiwillig von einer Menschenmenge übernommen wird". Aber im weiteren Sinne bedeutet das Crowdsourcing von Informationen bei RESCUER, Menschen Mittel an die Hand zu geben, mit denen sie aktiv zur Gewährleistung ihrer eigenen Sicherheit beitragen können.
Foto: Michalina Chrzanowska; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Michalina Chrzanowska. 
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