Rapid Tests: Nützliche Helfer für den Feldeinsatz

Interview mit Jens Hahn, Arzt für Innere und Intensivmedizin, Ärzte ohne Grenzen

Infektionskrankheiten sind in Krisengebieten weit verbreitet. Mangelt es vor Ort an medizinischer Versorgung, können die Menschen nicht ausreichend behandelt werden. Laboruntersuchungen im Feldeinsatz sind nur sehr eingeschränkt möglich. Rapid Tests ermöglichen es medizinischen Fachkräften schnell und genau, Patienten auf einige Infektionskrankheiten zu testen, zum Beispiel Malaria oder HIV.

04.01.2016

Foto: Jens Hahn

Jens Hahn; © privat

MEDICA.de sprach mit Jens Hahn über seine Arbeit für Ärzte ohne Grenzen in Afghanistan und im Süd-Sudan, die medizinische Situation vor Ort und den Einsatz von Rapid Tests.

Herr Hahn, wie sieht Ihre Arbeit in Krisengebieten wie Afghanistan oder dem Süd Sudan genau aus?

Jens Hahn: Das kann man schwer verallgemeinern, da jedes Krisengebiet seine eigene Konstellation hat, die vom Kontext der Sicherheitslage abhängig ist. Wie frei kann man sich als medizinisches Team bewegen? Kann man die klassische Arbeit von Ärzte ohne Grenzen (Médecins Sans Frontières, MSF) überhaupt machen? Kann man im Sinne von Primary Healthcare mit den Jeeps in die Orte fahren und dort die Menschen behandeln oder ist die Sicherheitslage zu schlecht? In Afghanistan ist es beispielsweise so, dass die Behandlung sich auf Zentren konzentrieren muss. Hier kann man sich lediglich im Krankenhaus oder seiner Unterkunft frei bewegen.

Auf was für Krankheiten und Verletzungen müssen Sie sich dort einstellen?

Hahn: Auch das hängt stark vom Kontext ab. In klassischen Settings, wie zum Beispiel im Süd-Sudan, können es Tropenerkrankungen wie Malaria, Hepatitis oder Tuberkulose sein. In den zunehmenden Krisengebieten mit gewaltsamen Auseinandersetzungen kommt eine große Gruppe mit Kriegsverletzungen hinzu. Dort sind immer mehr Schussverletzungen zu behandeln. Aber auch Infektionen, die sich aufgrund von Schuss- oder Stichverletzungen und anderen Gewalteinwirkungen ergeben, gehören zum Tagesgeschäft.

Also haben Sie viel mit Infektionskrankheiten zu kämpfen?

Hahn: Ja, mit klassischen Infektionen, wie Übertragungen von Bakterien, Viren und Parasiten. Aber es gibt auch viele Fälle, in denen Menschen mit Schussverletzungen erst nach ein paar Wochen medizinisch versorgt werden können. Die tief infizierten Wunden müssen dann zunächst erstversorgt und danach in aller Regel chirurgisch versorgt werden.

Welche Mittel stehen Ihnen vor Ort zur Verfügung?

Hahn: Auch hier muss wieder unterschieden werden: Wenn wir in ein Dorf sehr weit weg von unserer Basis fahren müssen, können wir nur begrenzt Material mitnehmen, d.h. nur das, was zum Beispiel in zwei Jeeps passt. Im Zuge der Primary-Healthcare können hier im großen Stile beispielsweise Malaria oder Atemwegsinfekte bei Kindern behandelt werden. Therapeutische Nahrung für unterernährte Kinder und Hygieneartikel, wie Seife, finden ebenfalls Platz im Jeep. Viele Infektionskrankheiten können entstehen, weil oft die einfachsten Mittel vor Ort nicht verfügbar sind.
Foto: weißer Jeep mit roter Aufschrift

Mit dem Jeep können die Ärzte in entlegene Gegenden fahren, um dort Menschen zu behandeln, die sonst keinen Zugang zu medizinischer Versorgung haben; © Jens Hahn

Sind Laboruntersuchungen bei Feldeinsätzen überhaupt möglich?

Hahn: Laboruntersuchungen sind gerade in abgelegenen Orten nur sehr begrenzt möglich. Mit einem kleinen Testkit könnte man zum Beispiel Blutarmut vor Ort erkennen. Dieses wird jedoch eher selten benutzt, weil in einem solchen Setting meist keine Bluttransfusion durchgeführt werden kann. Mittlerweile werden häufig Rapid Tests eingesetzt, die beispielsweise bei Malaria innerhalb weniger Minuten ein Ergebnis liefern. Man kann sich das wie bei einem Schwangerschaftstest vorstellen, nur dass dieser Test eben nicht mit Urin funktioniert, sondern mit einem ganz kleinen Tropfen Blut und einer Indikatorflüssigkeit. Auch der HIV -Schnelltest spielt im Feld eine relativ große Rolle. Doch nicht für alle Erkrankungen gibt es solche Tests. Medizinisch ist es interessant, sich auf seine handwerklichen Fähigkeiten zurückzubesinnen und etwas Abstand von der Gerätemedizin zu bekommen.

Welcher Rapid Test wird am häufigsten eingesetzt?

Hahn: Der Malariatest. Nachdem wir die Bevölkerung vorher informiert haben, fahren wir, im besten Fall regelmäßig, an verschiedene Orte. In einem Malaria-Gebiet warten dort oft schon um die 250 Kinder auf uns. Hat ein Kind eine erhöhte Körper-temperatur oder andere Symptome, machen wir einen Schnelltest. Da das oft bei gut einem Drittel oder mehr der Fall ist, werden dann schnell dutzende Tests benötigt. Doch nicht alle fallen positiv aus. Häufig haben die Kinder auch andere Krankheiten.

Ist man selbst in Krisengebieten anfälliger für Infektionskrankheiten? Muss man sich besonders schützen?

Hahn: Das hängt stark vom Einsatzgebiet ab. Bei der Ebola-Epidemie beispielsweise, wo Ärzte ohne Grenzen innerhalb kürzester Zeit Zentren aufbauen konnte, musste man sich auf jeden Fall schützen. Wir haben es hier mit einer Krankheit zu tun, vor der man sich medikamentös nicht schützen kann. Aus diesem Grund sind wir ebenso gefährdet wie die Menschen, die vor Ort leben. In Afghanistan habe ich die Gefahr nicht als viel größer empfunden, als zu Hause. Klar, dort ist Tuberkulose ein großes Problem. Jedoch ist dies eine Krankheit, die vor allem abwehrgeschwächte Menschen betrifft. Ja, es besteht für gewisse Erkrankungen ein erhöhtes Risiko, wie zum Beispiel in manchen Ländern bei Malaria. Aber das Risiko, selbst zu erkranken, ist nicht exorbitant höher. Ein deutlich stärkeres Augenmerk muss auf die Hygiene gerichtet werden. Hier entsprechen die Standards vor Ort oft nicht den unseren.
 
Das Interview wurde geführt von Kilian Spelleken.
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