Russland: Ist die Krise auch eine Krise für die Medizintechnik?

Interview mit Jennifer Goldenstede, Leiterin des Bereichs Außenwirtschaft und Exportförderung bei SPECTARIS e.V., Fachverband Medizintechnik

Seit 2013 halten die politischen Umbrüche in der Ukraine die Welt in Atem, denn sie riefen auch zunehmende Spannungen zwischen Russland auf der einen und den EU und USA auf der anderen Seite hervor. Zu den Druckmitteln beider Seiten gehören auch Sanktionen gegen Personen, den Finanzverkehr und ganze Wirtschaftszweige.

01.10.2015

Foto: Lächelnde junge Frau mit langen braunen Haaren - Jennifer Goldenstede; Copyright: SPECTARIS e.V.

Jennifer Goldenstede; ©SPECTARIS e.V.

Im Interview mit MEDICA.de spricht Jennifer Goldenstede über den Export von Medizintechnik nach Russland und welche Bedeutung die Handelssanktionen für die Branche haben.

Frau Goldenstede, welchen Stellenwert haben Medizintechnik-Importe aus den USA und der EU in Russland?

Jennifer Goldenstede: In den vergangenen Jahren hatten sie einen hohen Stellenwert, das hat aber zuletzt nachgelassen. Als Beispiel kann man den deutschen Export nach Russland anführen. In den Jahren 2010-2012 gab es einen hohen Zuwachs von jährlich rund 30 bis zuletzt fast 70 Prozent. 2013/2014 brachen die Zahlen mit einem Minus von ungefähr 25-30 Prozent jährlich stark ein. Im ersten Halbjahr 2014 betrug das Exportvolumen 292 Millionen Euro, im ersten Halbjahr 2015 waren es 226 Millionen Euro. Das ist ein Rückgang um 23 Prozent.

Es bestehen Wirtschafts- und Reisesanktionen zwischen der EU und den USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite. Was bemerken die Medizintechnikhersteller davon?

Goldenstede: Die Handelssanktionen sind nicht das vordergründige Problem für die Branche, es sind die Importsubstitutionen. Die russische Regierung hat beschlossen, dass bei öffentlichen, staatlichen Ausschreibungen Medizintechnikhersteller bevorzugt werden sollen, die tatsächlich zur Wertschöpfung innerhalb der Eurasischen Wirtschaftsunion beitragen. Es gibt Listen, bei welchen Waren und Verbrauchsmaterialien in der Medizintechnik die russische Importquote immer weiter gesenkt werden soll. So profitieren natürlich zuerst russische Unternehmen. Unternehmen aus dem Ausland müssen eine lokale Wertschöpfung schaffen, damit sie berücksichtigt werden.

Die Sanktionen sind erst infolgedessen ein Hindernis für Unternehmen, die nach Russland exportieren wollen: Wenn eine nationale Beschaffung nicht möglich ist, prüfen die russischen Behörden zuerst, ob sie die Produkte aus Ländern beziehen können, die Russland nicht sanktionieren.
Grafik: Brücke, die EU und Russland verbindet; Copyright: panthermedia.net/Alexander Kharchenko

Brücken bauen: Branchenverbände können sich in schwierigen Zeiten dafür einsetzen, internationale wirtschaftliche Beziehung zu erhalten und zu fördern; ©panthermedia.net/ Alexander Kharchenko

Wie kann ein Branchenverband wie SPECTARIS die Zusammenarbeit zwischen den Ländern wieder fördern?

Goldenstede: Wie setzen uns natürlich stark dafür ein, dass Auslandsmessen, wie die ZDRAVOOKHRANENIYE in Moskau, weiter stattfinden können. Es gab aus politischen Gründen bereits einige Absagen im Auslandsmesseprogramm. Diese haben aber bisher die Medizintechnik noch nicht betroffen.

Andere Instrumente, die wir nutzen können, sind zum Beispiel das Markterschließungsprogramm des Bundeswirtschaftsministeriums, in dessen Rahmen Delegationsreisen stattfinden. Wir haben unter anderem Russland als Zielland vorgeschlagen. Es ist aber noch offen, ob das umgesetzt wird.

Zuletzt ist die Informationsübermittlung an die Mitgliedsunternehmen sehr wichtig. Sie müssen wissen, was gerade in Russland passiert, sodass sie sich darauf einstellen und gute, fundierte Entscheidungen über ihre Geschäfte dort treffen können.

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© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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