Schnelltest zur Vermeidung von Thrombosen gesucht

Interview mit Prof. Albert Sickmann, Leiter der Bioanalytik und Vorstandsvorsitzender, Leibniz-Institut für Analytische Wissenschaften – ISAS – e.V.

01.07.2015

 
Foto: Prof. Albert Sickmann

Prof. Albert Sickmann; ©ISAS

Thrombosen sind ein Risiko nicht bloß für Vielflieger, sondern auch für Träger von Implantaten im Herz-Kreislauf-System sowie frisch operierte Patienten. Blutverdünner verhindern die Entstehung der gefährlichen Gerinnsel, müssen aber sorgsam eingestellt werden und wirken nicht bei allen Menschen gleich. Eine genaue Analyse der Thrombozyten könnte in Zukunft Komplikationen verhindern.

Herzinfarkte, Schlaganfälle und Lungenembolien können entstehen, wenn Thrombosen Blutgefäße verstopfen. Im Interview mit MEDICA.de spricht Prof. Albert Sickmann darüber, was man eigentlich über die Thrombozyten und die Regulierung der Blutgerinnung weiß. Er leitet ein neues Forschungsprojekt, aus dem ein Schnelltest für die umfangreiche Thrombozytendiagnostik hervorgehen soll.


Herr Prof. Sickmann, was ist das Ziel des Projektes "Strategie zur personalisierten Frühdiagnose, Prävention und dem Monitoring von Therapien für kardiovaskuläre Erkrankungen"?

Prof. Albert Sickmann: Die Grundidee unseres Projektes ist es, bestimmte Parameter der Thrombozyten zu messen und so ihren Aktivierungs- oder Inhibierungszustand zu bestimmen. Mit dieser Messung soll schließlich eine Aussage darüber möglich sein, ob eine patientenspezifische Fehlregulation der Thrombozyten vorliegt, die eine Thrombose verursachen kann. Man kennt zwar einige dutzend Faktoren, die die Inhibierung und Aktivierung der Thrombozyten bestimmen. Im Moment kann man sie aber noch nicht parallel erfassen. Und das ist das Neuartige an diesem Projekt.

Warum ist das so wichtig in der Diagnostik?

Sickmann: Es entwickeln jährlich 100.000-150.000 Patienten in Deutschland eine Thrombose. Sie erkranken chronisch und müssen dauerhaft Blutverdünner einnehmen. Darüber hinaus besteht auch nach Operationen die Gefahr von Thrombosen: In der Nachsorge reagieren ein bis zwei Prozent der Patienten nicht so auf die verabreichten Blutverdünner, wie man erwartet. Standardmäßig wird nur eine bestimmte Mischung von Wirkstoffen gegeben, die sich bewährt hat.

Das ist ein hoher Kosten- und Gesundheitsfaktor, wenn man von jährlich zehn Millionen Operationen in Deutschland ausgeht. Je nach Schwere der Thrombose müssen die Patienten einige Tage bis eine Woche länger liegen bleiben. Und vier bis sechs Promille der Operierten verstirbt aus verschiedenen Gründen, auch an Thrombosen, innerhalb von 30 Tagen nach der Operation. Wir konzentrieren uns deshalb auch auf Patienten vor und nach einer Operation und darauf, ob und wo wir bei ihnen ein höheres Risiko feststellen.

Grafik: Blutgerinnsel in einem Blutgefäß

Schlaganfall, Herzinfarkt oder Lungenembolie können die Folgen einer Thrombose sein. Einige Patienten sind gefährdet, weil sie auf Blutverdünner anders als erwartet reagieren; ©panthermedia.net/ rasslava

Wie ist denn eigentlich der aktuelle Stand der Forschung, was kann man anhand der Thrombozyten alles herausfinden?

Sickmann: Man weiß sehr viel über ihre Aktivierung und Inhibierung. Es gibt auch eine ganze Reihe von Medikamenten, die dort eingreifen, aber auf diese sprechen nicht alle Patienten gleichermaßen an. Deshalb ist auch die Subklassifizierung auf Basis der verschiedenen Blutfaktoren, die wir anstreben, sehr sinnvoll, um Patienten individuell therapieren zu können. Im Moment gibt es eben nur eine Handvoll Werte, nach denen die Patienten klassifiziert werden, und das reicht nicht.

Also weiß man im Grunde genommen nicht viel darüber, wie gesunde Thrombozyten aussehen, was die Normbereiche sind und was die Risiken letztendlich ausmacht.

Sickmann: Die Normbereiche der meisten thrombozytären Proteine kennt man letztendlich nicht. Es ist auch eines unserer Ziele, diese Bereiche zu bestimmen, denn ohne Normen können wir keine aussagekräftigen Messungen machen. Das wollen wir über eine größere Anzahl von gesunden, oder eher unauffälligen, Probanden erreichen.

Wenn Sie an die Standarddiagnostik der entsprechenden Herz-Kreislauf-Erkrankungen denken, was wäre der Mehrwert einer thrombozytenbasierten Diagnostik?

Sickmann: In der Diagnostik wird häufig nur die Aktivierungszeit der Thrombozyten gemessen. Daran erkennt man zwar, dass die Gerinnungszeit länger oder kürzer ist als normalerweise, aber nicht, was das Problem verursacht. Es könnte zum Beispiel ein Signalweg in den Thrombozyten nicht so funktionieren, wie er sollte. Wenn wir die einzelnen Komponenten der Thombozyten-Aktivierung bestimmen können, indem wir die Diagnostik mit biochemischen oder biomedizinischen Grundlagen kombinieren, können wir eventuell auch sofort einen Therapievorschlag machen, der an der richtigen Stelle eingreift.

Viele Menschen nehmen zur Blutverdünnung zum Beispiel Aspirin. Manche vertragen den Wirkstoff nicht gut oder er wird bei ihnen schneller oder langsamer metabolisiert. Dann könnte man zum Beispiel einen anderen Inhibitor wählen, den der Organismus besser verarbeitet.

Foto: Hand hält eine lösliche Tablette über ein Wasserglas

Aspirin ist mittlerweile auch als Blutverdünner sehr gebräuchlich; ©panthermedia.net/ diego.cervo

Wie ist das Projekt strukturiert?

Sickmann: In der ersten Projektphase bauen wir eine Laborinfrastruktur auf, die bis Mitte 2017 akkreditiert werden soll. In der zweiten Phase wollen wir die Proben von einigen Tausend Patienten vor und nach einer Operation analysieren. Dazu befinden wir uns im Gespräch mit mehreren großen deutschen Krankenhäusern, an denen Patienten rekrutiert werden sollen. Um eine Aussage über die Normbereiche der Thrombozyten und die Verteilung der Risikofaktoren in der Bevölkerung treffen zu können, benötigen wir in dieser Phase auch einige hundert Spenden von gesunden, unauffälligen Probanden. Angestrebt sind insgesamt Proben von 3.000-5.000 Spendern bis 2020.

In der dritten Phase, die parallel dazu laufen wird, arbeiten wir an einer stärkeren Laborautomatisierung, einer Steigerung der Durchsatzzahlen. Anfangs analysieren wir noch mit einem massenspektrometrischen Assay, um die gesuchten Komponenten zu erfassen und statistisch auszuwerten. In der vierten Phase schließlich soll aus dem aufwendigen Laborverfahren ein antikörperbasiertes Verfahren entwickelt werden, das schließlich als günstiger Schnelltest verfügbar gemacht werden soll.

Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
MEDICA.de