Kehlkopf: Schrittmacher gegen Atemnot

19.12.2013
Foto: Kehlkopfschrittmacher

Durch den Impuls des Implantats wird einer der Öffnermuskeln aktiviert, eines der beiden Stimmbänder gleitet zu Seite und der Atemstrom (blaue Linie) kann passieren; © MED-EL - Medical Electronics

Am Würzburger Universitätsklinikum wurde im Oktober dieses Jahres erstmals einer Patientin erfolgreich ein Kehlkopfschrittmacher eingepflanzt.

Atmen, Schlucken, Sprechen – die zwei im Kehlkopf untergebrachten Stimmbänder sind an essentiellen Körperfunktionen beteiligt. Werden die sie versorgenden Nerven, die sogenannten Rekurrenznerven, geschädigt, kann es zu einer Lähmung der Stimmbänder kommen. Hervorgerufen werden solche Nervenschäden zum Beispiel durch Virusinfektionen, Hals- und Brustraumverletzungen oder durch Tumore.

Aber auch bei Eingriffen an der Schilddrüse, die weltweit jährlich zu Tausenden durchgeführt werden, kann es zu einer Schädigung des Stimmbandnerven kommen, da der Nerv in unmittelbarer Nachbarschaft zur Drüse verläuft. Sind beide Stimmbänder gelähmt, können die Betroffenen durch die dann fast geschlossene Stimmritze meist nur noch schwer atmen.

Hilfe verspricht ein neu entwickelter Kehlkopfschrittmacher. Das System ist in einer Kooperation zwischen den Unikliniken Würzburg, Innsbruck/Österreich, dem SRH Wald-Klinikum Gera sowie dem Medizintechnik-Unternehmen MED-EL - Medical Electronics entstanden. Im Rahmen einer Pilotstudie wurden bisher bei insgesamt neun Patienten Kehlkopfschrittmacher eingepflanzt.

Nach ersten erfolgreichen Implantationen in Gera und Innsbruck gelang nun im Oktober auch in Würzburg die Versorgung einer Patientin mit Stimmbandlähmung mit dem System. Für die Platzierung der Schrittmacherelektrode favorisiert Prof. Rudolf Hagen, der Direktor der Klinik und Poliklinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten, plastische und ästhetische Operationen des Würzburger Uniklinikums, eine von ihm entwickelte endoskopische Technik.

Der Kehlkopfschrittmacher besteht aus einem Implantat, das direkt unter der Haut am Brustbein eingesetzt wird und einer Elektrode, die vom Implantat im Körper bis zum Kehlkopf führt. Dort wird sie millimetergenau an den feinen Nervenast platziert, der den Öffnermuskel versorgt. Ein programmierbarer medaillonartiger Prozessor zur Steuerung des Systems haftet per Magnet am Implantat, also über der geschlossenen Haut auf Höhe des Brustbeins.

Der Prozessor gibt ein individuell einstellbares, regelmäßiges Steuersignal an das Implantat. Das Implantat sendet in diesem Takt einen Impuls über die Elektrode zum Öffnermuskel. Der Impuls führt zu einer kurzen Kontraktion des Muskels, der damit das Stimmband bewegt und den Atemweg frei macht. Das Sprechen wird durch die getaktete Stimmbandbewegung nicht behindert, denn zum Sprechen kann der Patient den elektronisch ausgelösten Impuls mit Muskelkraft willentlich und mühelos überdecken.

Bei der von Hagen entwickelten Operationsmethode wird das Ende der Elektrode mit einer Sonde über den Mund- und Rachenraum kommend endoskopisch am Öffnermuskel fixiert. Wie auch bei den Operationsmethoden der anderen Kliniken erfolgt das „Verlegen der Leitung“ zum Implantat am Brustbein minimalinvasiv. „Durch die begrenzten Inzisionen an Hals und Brustbein ist der Eingriff wenig belastend und bietet die Chance auf eine schnelle, komplikationslose Heilung“, schildert Hagen.

„Nachdem die Machbarkeitsstudie mit der erforderlichen Zahl an erfolgreich implantierten Patienten in absehbarer Zeit abgeschlossen sein wird, gehe ich davon aus, dass der Schrittmacher in den nächsten Jahren als neues medizinisches Gerät auf den Markt kommt“, sagt Hagen.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Würzburg