Verschiedene kleine und retrospektive Studien haben den Verdacht aufkommen lassen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Komplikationen bei der Geburt eines Kindes und späteren Essstörungen wie Anorexia nervosa und Bulimie. Die Datenlage auf diesem Gebiet ist aber sehr dünn.

Nun haben Dr. Paolo Santonastaso und seine Kollegen von der University of Padua, Italien, diesen Zusammenhang etwas näher untersucht. Die Wissenschaftler analysierten die Geburtsdaten einer repräsentativen Anzahl von Personen, die zwischen 1971 und 1979 im Krankenhaus von Padua auf die Welt gekommen waren. Darunter waren 114 Personen mit Anorexia nervosa und 73 Personen mit Bulimie. 554 Personen, die keinerlei Essstörungen aufwiesen, dienten als Kontrollgruppe.

Offenbar gibt es tatsächlich einen signifikanten Zusammenhang zwischen bestimmten geburtshilflichen Komplikationen und späteren Essstörungen. Zu diesen Komplikationen gehören mütterliche Anämie, mütterlicher Diabetes, Präeklampsie, Plazentainfarkt, neonatale kardiale Probleme und Hyporeaktivität. Das relative Risiko für späteres Auftreten einer Essstörung liegt bei diesen Komplikationen zwischen 2,4 und 6,4. Traten bei der Geburt zwei oder mehr dieser Komplikationen auf, steigt das relative Risiko sogar auf das 15,7fache.

Die italienischen Wissenschaftler vermuten, dass Anämie, Diabetes und Präeklampsie die Sauerstoffzufuhr zum Ungeborenen vermindern. Der Plazentainfarkt und kardiale Beschwerden führen zur Hypoxämie beim Kind.

Ein früherer Befund stützt diese Theorie. Man weiß nämlich, dass bei jenen Jugendlichen, die ohne Komplikationen auf die Welt gekommen waren, die Essstörung im Durchschnittsalter von 18,8 Jahren beginnt. Traten bei der Geburt bis zu fünf Komplikationen auf, sinkt das Durchschnittsalter für den Beginn der Essstörung auf 17,5 Jahre und sogar auf 16,3 Jahre, wenn die Jugendlichen bei der Geburt fünf oder mehr Komplikationen erfahren hatten.

MEDICA.de; Quelle: Archives of General Psychiatry 2006, Vol. 63, S. 82-88