Seins oder meins

Foto: Rumpf eines Mannes ohne Arme

Kurz vor der Weltpremiere: Dieser
Mann hat als erster zwei neue Ar-
me bekommen; © Klinikum rechts
der Isar der TU München

Der erste Mensch, der erfolgreich eine neue Hand transplantiert bekam, hielt es nicht lange mit ihr aus. Er habe sie psychisch nicht angenommen, war Clint Hallams eigene Begründung. Der Neuseeländer hörte auf, die Immunsuppressiva zu nehmen, Medikamente, die die Abstoßung der fremden Hand durch das Immunsystem verhindern. 2001, gut zwei Jahre nach der Operation, musste ihm die Hand wieder abgenommen werden.

Ganz anders lief es dagegen bei Theo Kelz. Der österreichische Polizist bekam im Jahr 2000 die Hände eines Toten. Die eigenen hatte er 1994 durch eine Bombenexplosion verloren. Über 50 Kliniken schrieb Kelz an, bevor er einen Arzt fand, der die Operation wagte. Kelz akzeptierte die Hände sofort als die eigenen: „Es war mein innigster Wunsch, neue Hände zu haben. Ich habe jahrelang darum gekämpft. Daher habe ich mir, nachdem ich sie endlich hatte, keine Gedanken darüber gemacht, von wem sie waren“, so Kelz.

Die Psyche ist ein wesentlicher Faktor für den Erfolg einer Transplantation. Ob Leber, Herz oder Hand - das Organ ist fremd und kommt meist von einem Toten. „Für viele ist die Integration ein sehr schwieriges Kapitel“, erzählt Wolfgang Albert, ärztlicher Leiter des Medizinischen Versorgungszentrums im Deutschen Herzzentrum Berlin. Der Diplom-Psychologe betreut Herz-Transplantationspatienten. Mit dem Herzen verbinden Menschen seit altersher ihre Persönlichkeit. In der Vorstellung vieler der Transplantierten wird mit dem Herz auch ein Stück Identität verpflanzt. Das macht Angst: „Sie fragen sich: Was mache ich, wenn ich das Herz eines ‚schlechten Menschen‘ oder als Mann das Herz einer Frau bekomme“, so Albert.

Gefühlsschwankungen sind Nebenwirkung von Cortison

Rund 2325 Nieren, 400 Herzen, 1000 vollständige Lebern und 280 Lungen wurden letztes Jahr in Deutschland transplantiert. 50 Prozent von Alberts Herzpatienten leiden in der Wartezeit unter Depressionen, obwohl die Operation selbst mittlerweile fast Routine ist. Um den Patienten so viel Ballast abzunehmen wie möglich, hilft nur eins: reden, reden, reden. Schon vor dem Eingriff können viele Ängste ausgeräumt werden, indem man sie bespricht. Die Wartezeit auf ein Spenderorgan hat also auch ihr Gutes: Sie bietet Zeit zur Verarbeitung und Auseinandersetzung. Wer diese Zeit hat, kann das neue Organ meist besser annehmen als jemand, der bei akutem Versagen schnell operiert werden muss.

„Letztendlich sind es nur drei oder vier Prozent der Patienten, die das neue Herz langfristig als nicht zu ihnen gehörig erleben“, so Albert. Auch die Phantasie von der transplantierten Identität ist schnell entmystifiziert, wenn die Patienten die Hintergründe verstehen und mit Ärzten und bereits Operierten über diese Fragen reden können. „Viele Patienten machen tatsächlich eine Veränderung durch“, so Albert. Das hänge aber nicht mit einer übertragenen Identität zusammen, sondern vielmehr mit dem tiefen Lebenseinschnitt, der auch die Persönlichkeit und deren Werte beeinflusse. Die Immunsuppressiva wirken zudem auf das Gehirn, können Gefühlsschwankungen hervorrufen oder das Gedächtnis zeitweise beeinträchtigen. „So kommt es zum Beispiel, dass Männer denken, sie hätten das Herz einer Frau, wenn sie bei Liebesfilmen plötzlich schneller weinen“, erklärt Albert. „Es ist aber bloß eine Nebenwirkung von Cortison.“

„Es ist schwierig heraus zu kristallisieren, wer mental stabil genug für eine Transplantation ist“, erklärt die Münchner Psychologin Sibylle Storkebaum vom Klinikum rechts der Isar. An ihrem Klinikum war im Juli in einer Operation, deren Bilder um die Welt gingen, dem ersten Menschen zwei neue Arme transplantiert worden. Schon ein Jahr vor der Operation begann Storkebaum, den Mann psychologisch zu begleiten; auch, um herauszufinden, ob er die Operation wirklich wolle und verkraften könne. Denn nur psychisch gefestigte Menschen mit einem intakten sozialen Umfeld können die Strapazen gut überstehen. Eine regelrechte Gefühlsachterbahn erwartet einige von ihnen.

Schuldgefühle und „Honeymoon-Effekt“

Da ist zunächst die Angst vor dem Tod durch die Krankheit oder, ohne Hände, vor dem sozialen Tod durch die totale Abhängigkeit; andererseits die Angst vor der Operation. Ein diffuses Schuldgefühl, dass jemand für einen sterben müsse, verstärkt sich oft, je dringender der Wunsch nach einem Spenderorgan wird. Das Warten, manchmal jahrelang, zermürbt. Nach der Operation der sogenannte „Honeymoon“-Effekt: Die Patienten sind euphorisch, erleben eine Art zweiten Geburtstag. Das Gefühl klingt ab, Angst vor der Abstoßung breitet sich aus. Fragen stellen sich nach dem unbekannten Spender, Schuldgefühle und ein Stück Trauer um den Verstorbenen setzen ein.

Bevor Betroffene auf die Wartelisten gesetzt werden, werden sie daher psychisch gecheckt. „Ein riesiges ‚Ich will!‘ muss zu spüren sein“, so Storkebaum. „Die Menschen müssen im Leben noch etwas vorhaben und bereit sein, mitzuarbeiten.“ Wer diesen Willen nicht zeigt, kommt nicht auf die Wartelisten. Denn dann sei die Gefahr groß, dass die Operierten hinterher schlechter klarkämen als vorher, ihre Abstoßungsmedikamente nicht mehr nähmen und sich damit selbst gefährdeten – mehr Schaden als Nutzen würde angerichtet.

Vollständig muss das neue Herz, die neue Niere oder der Arm gar nicht zum Selbst werden. „Es ist eben tatsächlich nicht das eigene Körperteil, sondern ein fremdes, das darf man ruhig auch aussprechen und sich Gedanken darüber machen, wenn einem die Vorstellung hilft“, meint Storkebaum. Zum Beispiel könne es helfen, das Organ und den Spender mit einer Prise Humor zu personifizieren. So geben manche von Alberts Patienten dem Herzen einen Namen. Und einer von Storkebaums Patienten sagte unlängst: „Ich glaube, mein Spender hätte jetzt gerne ein Bier.“

Anke Barth
MEDICA.de