Speiseröhrenkrebs: Höhere Patientensicherheit durch das "Da Vinci" System

Interview mit Prof. Jürgen Weitz, Direktor der Klinik und Poliklinik für Viszeral-, Thorax- und Gefäßchirurgie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden

Heutzutage findet man immer mehr Roboter in Operationssälen, die zum einen die Chirurgen unterstützen und zum anderen die Sicherheit der Patienten erhöhen sollen. Eines dieser Systeme ist das "Da Vinci" System, das schon seit mehreren Jahren für verschiedene Operationsformen verwendet wird. Unter anderem auch bei Speiseröhrenkrebs. Doch erfüllt es wirklich das, was es verspricht?

09.11.2015

Foto: Jürgen Weitz

Prof. Jürgen Weitz; © Jürgen Weitz/ privat

Im Interview mit MEDICA.de erklärt Prof. Jürgen Weitz, welche Unterschiede es zu anderen Verfahren bei Speiseröhrenkrebs gibt, was die größten Vor-und Nachteile des Systems sind und welche Personen wie geschult werden müssen, um das System einzusetzen.

Herr Prof. Weitz, was unterscheidet eine Operation mit dem "Da Vinci" System an Patienten mit Speiseröhrenkrebs von der bisher herkömmlichen Herangehensweise?

Jürgen Weitz: Das Besondere an der Speiseröhrenoperation ist, dass man einen Teil der Operation im Brustkorb durchführen muss. Hierbei erwarte ich besondere Vorteile durch die minimalinvasive Methode. Bei der offenen Chirurgie müssen die Zwischenrippenräume nämlich stark gespreizt werden – das ist besonders schmerzhaft für die Patientin.

Es gibt eine Studie, die gezeigt hat, dass die Patienten von der sogenannten thorakoskopischen Operation profitieren, also einer minimalinvasiven Operation ohne den Roboter. Es ist aber technisch relativ schwer die Operation minimal invasiv im Brustkorb durchzuführen, weil man mit den langen starren Instrumenten oft schlecht an den Rippen vorbei kommt und in seinen Bewegungsmöglichkeiten eingeschränkt ist. Hier liegt der große Vorteil des Roboters, weil dieser sich eben auch im Brustkorb dreidimensional gut bewegen lässt.

Warum kam es jetzt erst zu dem Eingriff mit dem "Da Vinci" System bei Speiseröhrenkrebs?

Weitz:Welt- oder deutschlandweit waren wir nicht die ersten, die das gemacht haben, sondern nur in den neuen Bundesländern. Warum ist das so? Warum dauert es relativ lange? Weil das bislang eine der komplexesten Operationen ist, die wir machen und man sich erst langsam an diese komplizierten Operationen herantasten muss. Denn die Patientensicherheit steht immer an erster Stelle. Das heißt, wir können nur Operationen durchführen, bei denen wir uns ganz sicher sind, dass wir die Patienten nicht gefährden. Es dauert einfach relativ lange bis sich die Operationstechnik entwickelt und das Team sich zusammengefunden hat. Das ist ein schrittweiser Prozess.
Grafik: Speiseröhrenkrebs

Bei der Speiseröhrenoperation wird ein Teil der Op im Brustkorb durchgeführt. Das ist aufgrund der langen und starren allerdings schwierig, da man nur schlecht an den Rippen vorbei kommt; ©panthermedia.net/ edesignua

Welche Vor- und Nachteile ergeben sich für Sie als Chirurg durch das System?

Weitz:Die Vorteile ergeben sich für den Patienten: Man hofft, dass die Schmerzen und die postoperativen Komplikationen, insbesondere die Lungenentzündungen, bei den Patienten reduziert werden können. Dank der kleineren Schnitte hat der Patient weniger Beschwerden, kann besser durchatmen und die Lungenentzündungen nehmen ab.

Ein Nachteil des Systems ist allerdings das fehlende haptische Feedback. Das heißt, man spürt nicht wie sonst, was man mit den Händen macht, sondern sieht es nur. Das erlernen zu müssen ist ein echter Nachteil. Die große Hoffnung ist, dass neue Robotersysteme das zukünftig ausgleichen können. Ein weiterer wesentlicher Nachteil ist der Preis des Systems.

Wer muss für den Einsatz mit dem Roboter alles geschult werden und wie lange dauert es bis er zum Einsatz kommen kann?

Weitz: Neben dem Chirurg müssen der erste und zweite Assistent und auch die OP-Schwestern geschult werden. Das ist ein mittlerweile relativ gut etabliertes System, was auch von der Firma, die diesen Roboter herstellt, scharf überwacht wird. Man wird schrittweise und langsam an den Roboter herangeführt. Mein großer Vorteil ist es, eine spezielle Zusatzausbildung in der Krebschirurgie in den USA genossen zu haben. Dort hatten wir 2002 schon einen dieser Roboter mit dem ich arbeiten konnte. Ich beschäftige mich also schon viele Jahre mit diesem System. Kollegen, die jetzt praktisch erst beginnen, werden aber sehr strukturiert an das System herangeführt. Es gibt virtuelle Trainingsmöglichkeiten und auch Kurse, in denen die Kollegen zusammen lernen.

Wie Sie bereits sagten, ist der Einsatz des Systems sehr teuer. Kritiker behaupten, dass sich dagegen beispielsweise an der Dauer des Krankenhausaufenthalts nichts ändern würde. Stimmt das?

Weitz: Das ist eine Frage, bei der man unterscheiden muss, von welcher Operation man spricht. Die Vorteile können beispielsweise bei einer Prostataoperation ganz andere sein als bei einer Speiseröhren- oder Enddarmoperation. Das Outcome ist unterschiedlich. In unseren Fällen, zum Beispiel beim Enddarmkrebs, ist die große Hoffnung, dass man die Nerven für die Sexual- und Blasenfunktion besser schonen und den Tumor radikal entfernen kann. Das ist eine etwas andere Zielsetzung als beispielsweise bei der Speiseröhrenchirurgie, mit der man eher Lungenkomplikationen verhindern möchte. Es ist komplex und muss für jede Krankheit, die man behandelt, einzeln beantwortet werden. So ist der Krankenhausaufenthalt zwar wichtig, aber ist nicht der entscheidende Parameter.

 
 
Das Interview wurde geführt von Kilian Spelleken
MEDICA.de