Spontane Bewegungsmuster bei Säuglingen als Hinweise auf Entwicklungsauffälligkeiten

Foto: Baby verkabelt mit Elektroden

Sensoren messen spontane Bewe-
gungsmuster bei einem Säugling;
© Universitätsklinikum Heidelberg

Das Ziel einer aktuellen Studie ist es, zwei experimentell bewährte Ansätze zu verknüpfen, auf ihre Aussagekraft hin zu prüfen und in der Frühdiagnostik leichter Entwicklungsprobleme zu etablieren.

Jedes zehnte Kind in Deutschland kommt als Frühchen zur Welt und trägt damit ein höheres Risiko für Entwicklungsprobleme als reif geborene Kinder. Gemeint sind damit leichte bis schwere Beeinträchtigungen der Bewegung oder geistigen Entwicklung. Während schwere Störungen inzwischen zuverlässig im Laufe des ersten Lebensjahres diagnostiziert werden können, gibt es bisher keine etablierte Methode zur Früherkennung der leichten Auffälligkeiten. „Eine frühe Diagnose ist allerdings wichtig, um betroffene Kinder, die zum Beispiel an einer Aufmerksamkeitsstörung leiden, von Anfang an optimal fördern zu können“, erklärt Professor Joachim Pietz, Leiter des Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) und der Klinik für Neuropädiatrie am Zentrum für Kinder- und Jugendmedizin.

Hier setzt die Forschung der Arbeitsgruppe an: Sie baut auf verschiedenen experimentellen Methoden auf, die am SPZ bereits seit mehreren Jahren erprobt werden. Ein Ansatz ist die Analyse der spontanen Bewegungen bei Säuglingen im korrigierten Alter von drei Monaten. Das „korrigierte Alter“ bezeichnet bei einem Frühgeborenen die Zeit, die seit dem errechneten Geburtstermin vergangen ist. Tatsächlich ist das Kind einige Wochen älter. So lässt sich die Gehirnentwicklung von zu früh und reif geborenen Kindern vergleichen.

Die spontanen Bewegungen bei Säuglingen (Spontanmotorik) variieren in ihrer Reihenfolge, Geschwindigkeit, Richtung und Ausprägung abhängig von Gehirnreifung und Ausmaß einer Gehirnschädigung. Durch die genaue Analyse dieser Bewegungen können Bewegungsstörungen zuverlässig diagnostiziert werden, was mit anderen Untersuchungsmethoden in diesem Alter nicht möglich ist. Es gelang dem Team um Pietz, diese Bewegungen mithilfe von Bewegungssensoren, die an Armen und Beinen der Kinder befestigt werden, computergestützt zu registrieren und objektiv – unabhängig von der Erfahrung des Betrachters – zu bewerten.

Die zweite Methode ist die Blickzeitanalyse: Den Kindern im korrigierten Alter von sieben Monaten werden kleine Spielzeuge sowie Symbole auf einem Bildschirm gezeigt. Dabei erfassen die Wissenschaftler über computergestützte Videoanalysen, wie lange das Kind schaut, ob die Blickzeit bei Wiederholungen ab- und bei neuen Reizen wieder zunimmt.

„Wir gehen davon aus, dass in diesem frühen Alter die motorische und die geistige Entwicklung noch eng miteinander verknüpft sind“, erklärt Doktor Gitta Reuner, Diplom-Psychologin am SPZ. „Daher wollen wir in diesem Projekt prüfen, ob die Analyse der Motorik und der Blickzeit Hinweise auf leichte Störungen der kognitiven Entwicklung bei Säuglingen geben kann. Außerdem untersuchen wir, wie frühe Auffälligkeiten in den motorischen Mustern mit der späteren geistigen Entwicklung zusammenhängen.“

Die Studie ist auf zwei Jahre ausgelegt. In dieser Zeit werden 200 Kinder, bei denen bereits eine Blickzeitanalyse durchgeführt wurde, nachuntersucht. So wollen die Wissenschaftler klären, wie aussagekräftig die Ergebnisse für die spätere Entwicklung der Kinder sind. In einem weiteren Studienzweig analysiert das Team zunächst die Spontanmotorik und später die Blickzeit ehemaliger Frühchen und vergleicht diese Ergebnisse mit dem Abschneiden der Kinder in einem Entwicklungstest. Bislang wurden 80 Säuglinge in die Studie eingeschlossen.


MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg