Sport und Krebs: kein Allheilmittel, aber notwendige Unterstützung

Wann Sport als gesund gilt, wie oft er betrieben werden sollte und welche Wirkung er auf den Körper hat – diese Fragen wurden in den letzten Jahrzehnten stets unterschiedlich beantwortet. Viele in der Vergangenheit durchgeführte Studien bestätigen jedoch die Annahme, dass Sport und Bewegung immer der Gesundheit nützen und zwar auch, wenn man bereits erkrankt ist.

02.06.2014

 
Foto: Zwei Senioren machen Liegestütz im Wald; Copyright: panthermedia.net/Arne Trautmann

Sport tut nicht nur dem Körper gut, sondern auch der Seele. Ob gesund oder krank - der Austausch untereinander, das Gefühl etwas erreicht zu haben, was man sich vorher körperlich nicht zugetraut hat. All das ist wichtig für Menschen; ©panthermedia.net/ Arne Trautmann

Es ist eine natürliche Reaktion des Menschen: Wer schwer erkrankt, der möchte sich am liebsten einigeln, sich zurückziehen, die Krankheit vielleicht auch aussitzen, bis sie hoffentlich endlich vorbei ist. Krebspatienten kennen diese Gefühle nur zu gut. Der Schock, eine möglicherweise tödliche Erkrankung diagnostiziert zu bekommen, lässt die meisten Patienten zunächst in eine Art Starre verfallen. Dazu kommt die Angst vor dem Unbekannten, denn nur Wenige wissen, was auf sie zukommt und wie die Therapie wirklich aussehen wird. Sicher ist nur, dass die Behandlung anstrengend wird und man sich deshalb besser körperlich schont, um seine Kraftreserven nicht aufzubrauchen. Oder etwa nicht?

"Früher war man der Auffassung, dass Sport und Gesundheit nichts miteinander zu tun haben. In den 1950er- und 1960er-Jahren empfahl man deshalb absolute Ruhe während einer Chemotherapie. Das änderte sich erst 1978, nachdem eine Studie von Prof. Dr. Klaus Schüle das Gegenteil bestätigte: Sport hilf Krebspatienten", so Dr. Freerk Baumann von der Deutschen Sporthochschule Köln. "Mittlerweile hat sich bestätigt: Wer bereits während der Chemotherapie Sport betreibt, der mildert mögliche Nebenwirkungen".

Der Sportwissenschaftler beton jedoch, dass die Patienten nicht alleine für sich trainieren sollen, sondern unter Anleitung eines geschulten Therapeuten: "Bei der sogenannten Onkologischen Trainingstherapie, kurz OTT, erhalten die Patienten je nach Krebserkrankung einen individuellen Trainingsplan, der zum Beispiel berücksichtigt, dass frische Operationsnarben nicht belasten werden. Außerdem achten wir stark auf die individuelle Fitness der Patienten."
Foto: Zwei Frauen im Fitnessstudio bei einer Bauchübung; Copyright: panthermedia.net/Jean-Marie Guyon

60 Prozent der Krebskranken können heute geheilt werden, die restlichen 40 Prozent leben oftmals noch mehrere Jahre. Auch Personen mit chronischem Krebs profitieren von der Onkologischen Trainingstherapie; © panthermedia.net/ Jean-Marie Guyon

Bislang wird die OTT nur an der Uniklinik Köln angeboten. Auf einer 110m² großen Fläche können die Patienten ein Zirkeltraining an verschiedenen Geräten durchführen. Das Projekt läuft seit November 2012 und wird sehr gut angenommen. Um das Training der Patienten auch für Studien auswerten zu können, erhält jeder Patient eine Chipkarte, die in das Trainingsgerät gesteckt wird. Darauf festgehalten sind die Trainingsziele für die einzelnen Geräte. Das hat den Vorteil, dass sich die Patienten nicht übernehmen, sondern genau so viel trainieren, wie es zuvor mit den Ärzten abgesprochen wurde. Freerk Baumann zeigt sich vom Medical Fitness Parcours begeistert: "Hier zeigt sich, dass Erkenntnisse der Wissenschaft erfolgreich in die Praxis übertragen werden können".

Doch kommen leider nicht überall Patienten in den Genuss eines modernen Fitnessstudios, das auch Medical Fitness anbietet. Zwar gibt es Kooperationen zwischen Kliniken und "herkömmlichen" Fitnessstudios, in denen auch Krebspatienten trainieren können – dies jedoch zur Nachsorge und nicht bereits während der Krebsbehandlung. Darüber hinaus stellt sich die Frage, inwieweit Patienten bereits während der Therapie auf die Wichtigkeit von Sport und Bewegung hingewiesen werden. So berichtet der Patient Willi E., der 2011 mit 70 Jahren an Prostatakrebs erkrankte: "Während des Krankenhausaufenthaltes sollte ich mich zwar schnell wieder bewegen, dabei ging es aber hauptsächlich um die Vermeidung einer Thrombose. Sport im eigentlichen Sinne habe ich nicht gemacht. Das kam erst später in der Reha-Klinik, in der Wassergymnastik angeboten wurde. Weitergeführt habe ich das nach dem Aufenthalt allerdings nicht. Es hat auch niemand zu mir gesagt, dass ich nun regelmäßig Sport machen sollte." Natürlich können dies Einzelfälle sein, aber es schadet sicherlich nicht, stärker als bisher auf die bestehenden Angebote aufmerksam zu machen. Auch Dr. Baumann bemängelt, dass die Patienten bislang häufig nicht richtig informiert werden: "Derzeit fehlt es noch an der fachlichen Betreuung. Viele Krebssportgruppen werden nicht von Bewegungstherapeuten, sondern von Laien betreut. Auch die Empfehlung eines Arztes, nach der Chemotherapie langsam wieder mit Sport zu beginnen, greift nicht ausreichend. Es geht darum bereits während der Krebstherapie mit der OTT zu beginnen, dies in der onkologischen Rehabilitation fortzuführen und die Patienten dazu anzuleiten auch Zuhause weiterhin Sport zu treiben."

Es wäre zu wünschen, dass die Vision Baumanns bald Wirklichkeit wird. Denn Fakt ist: Es gibt immer mehr Patienten, die auch mit einer Krebserkrankung noch viele Jahre leben. Und diese Jahre sollten Lebensqualität beinhalten, damit es nicht nur um ein reines Überleben geht.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Der Artikel wurde geschrieben von Simone Ernst.
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