Sprachliche Erscheinungsformen von Macht

Foto: Ein Arzt

Arztverhalten unter der Lupe
© Hemera

Wenn das Wartezimmer voll ist, muss es zügig gehen: Für langwierige Überzeugungsarbeit für eine gewählte Therapie ist keine Zeit, Ärzte müssen sich anders durchsetzen. Der Student Tim Peters untersuchte diese Situation und nahm 100 versteckt aufgezeichnete Gespräche von Hausärzten mit als "Standard-Patientinnen" geschulten Studentinnen in Düsseldorfer Praxen auf und analysierte sie.

Die Ärzte hatten sich einige Monate vor den Besuchen schriftlich bereit erklärt, sich zu Studienzwecken heimlich aufzeichnen zu lassen. Jeder Arzt bekam zwei fingierte Patientenbesuche, einen von einer ängstlich-drängenden Kopfschmerzpatientin und einen von einer neutral-akzeptierenden. Peters erarbeitete ein Schema, das die Machtausübung von ärztlicher Seite kategorisierbar macht. Darin enthalten sind Faktoren wie etwa der Redeanteil der Beteiligten, das Sprechtempo, die Intonation, die benutzten Begriffe, Ziel und Struktur des Gesprächs.

Beispiel: Der Arzt lässt die Patientin häufig nicht ausreden. Anstatt ihre Ausführungen anzuhören, unterbricht er sie mehrfach und klopft ihr Gesundheitsproblem mittels ja/nein-Fragen ab. Als sie die von ihm favorisierte Therapie - eine Spritze - ablehnt, fragt er lauter werdend immer wieder nach, warum sie diese nicht möchte. Die Spritze preist er ihr unter Nennung für sie unverständlicher Fachwörter und Wirkstoffbezeichnungen wiederholt an.

Als Gründe für die Machtausübung macht Peters vor allem Zeit- und Aufwandsersparnis aus. Würde der Arzt den Patienten in die Entscheidungs- und Therapiefindung einbeziehen, würde das länger dauern. Wählt er aber einen paternalistischen, eher unkooperativen Ansatz, der die psychosozialen Wünsche des Patienten ausblendet und rein an den Symptomen orientiert ist, spart er Zeit und Energie.

Die Arbeit der Ärzte oder ihren Sprachgebrauch kritisieren möchte er jedoch nicht: "Die Arbeit und ihre Ergebnisse zeigen nur, dass Sprache in institutionellen Situationen nicht nur ein Trägermedium für Informationen ist, sondern dass allein die Form der Sprache schon verschiedenste Einflusspotentiale enthält."

MEDICA.de; Quelle: Ruhr-Universität Bochum