Standards in der Pflege

19.05.2014
Foto: Pflegerin und älterer Mann

Belastungsschwerpunkt für Pflegekräfte ist besonders das Bewegen ihrer Patienten. Die Normungsorganisationen geben Empfehlungen zur Entlastung während der Arbeit; ©werner.heiber/ panthermedia.net

DIN, CEN und ISO verankern Ergebnisse des Leibniz-Instituts für Arbeitsforschung an der TU Dortmund (IfADo) in ihren Gestaltungsempfehlungen für die Pflegeberufe.

Der Arbeitstag von Pflegekräften ist mitunter so eng getaktet, dass allein schon die körperliche Pflege unter hohem Zeitdruck stattfinden muss, was häufig über das Leistungsvermögen der Pflegekräfte hinaus geht. Zu den damit verbundenen Gesundheitsgefährdungen haben das Deutsche Institut für Normung (DIN) und das Europäische Komitee für Normung (CEN) einen Technischen Bericht veröffentlicht, der auf den Empfehlungen der internationalen Normungsorganisation ISO basiert. In diesem Bericht wird die Forschung des IfADo zur Abschätzung und Beurteilung von gesundheitlichen Risiken in der Pflege als besonders aussagekräftig hervorgehoben.

Mit dem verbreiteten Personalmangel in der Alten- und Krankenpflege geht eine Verdichtung der Arbeitsabläufe einher, immer mehr Aufgaben müssen von immer weniger Beschäftigten erledigt werden. Ein Belastungsschwerpunkt ist dabei das Bewegen der Patienten: Das Aufrichten, Drehen, Betten und Umsetzen führt zu Gefährdungen insbesondere für die Lendenwirbelsäule.

Die Risiken von Muskel- und Skeletterkrankungen im Gesundheitswesen wurden in den Ergonomie-Arbeitsgruppen von CEN und ISO diskutiert. Das Ergebnis sind sogenannte Technische Berichte, mit denen Praktiker des betrieblichen Gesundheitsschutzes eine Übersicht über den Stand der Wissenschaft erhalten. Ein von der ISO vorgelegter Bericht wurde nun von CEN und DIN für den europäischen beziehungsweise nationalen Bereich übernommen. Darin wird der am Leibniz-Institut für Arbeitsforschung entwickelte „Dortmunder Denkansatz“ zur Risikoabschätzung und Risikobeurteilung in der Alten- und Krankenpflege hervorgehoben.

Die Forschungsgruppe „Biodynamik“ am IfADo hat ein spezielles Labor aufgebaut, um die gesundheitlichen Gefährdungen zu analysieren. Unter der Leitung von Matthias Jäger werden von dieser Gruppe Körperhaltungen und Körperbewegungen mit verschiedenen optischen Systemen aufgezeichnet. Gleichzeitig werden die benötigten Kräfte mit Hilfe eines selbstentwickelten kraftsensitiven Betts („Dortmunder Messbett") und mit mehreren Kraftmessplattformen am Boden erfasst. Die Daten fließen in das ebenfalls selbstentwickelte und in verschiedenen Anwendungsfeldern bewährte Computermodell „Der Dortmunder“ ein. In dem Modell sind die Funktionen von Skelett, Muskulatur und Bändern nachgebildet, um daraus die Höhe der Wirbelsäulenbelastung zu errechnen.

Die Forschungsergebnisse zeigen, dass bereits bei typischen Patiententransfers Kräfte von mehreren tausend Newton in der Lendenwirbelsäule wirken können. Dies entspricht im Extremfall einem Gewicht von nahezu einer Tonne.

Die Ergebnisse zeigen aber zugleich, wie man mit einfachen Mitteln die Belastung deutlich verringern kann. Die beim Patiententransfer gefundenen biomechanischen Kräfte werden vor allem durch ungünstige Hebelverhältnisse verursacht. Deshalb sollte der Patient zum Beispiel nahe am eigenen Körperschwerpunkt gehalten und geführt werden. Gleitmatten, Rutschbretter und andere Hilfsmittel können einen erheblichen zusätzlichen Beitrag leisten, indem sie etwa die Reibung zwischen Patient und Matratze reduzieren. Die vermutete Wirksamkeit dieser Arbeitsmethoden und Hilfsmittel wurde durch die aufwändigen Messungen und komplexen Computersimulationen des IfADo mit Maß und Zahl belegt.

MEDICA.de; Quelle: Leibniz-Institut für Arbeitsforschung an der TU Dortmund