Experiment: Stellvertretende Entscheidungen

14.03.2013

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Wenn Patienten nicht mehr selbst entscheiden können und keine Patientenverfügung vorliegt, stehen Angehörige vor einer schweren Wahl; © panthermedia.net/Thomas Sczigiol

Eine Studie der Universität Basel kommt zu dem Schluss, dass Angehörige und Betroffene eine medizinische Entscheidung bevorzugen, die durch einen vorab bestimmten Vertreter oder durch geteilte Entscheidungsverfahren getroffen wird.

Alzheimer und andere Erkrankungen können dazu führen, dass Betroffene nicht mehr in der Lage sind, Entscheidungen zu fällen, die zum Beispiel ihre medizinische Versorgung betreffen. Die Forschung hat bisher vor allem diskutiert, wie Dritte dem Willen eines Patienten am besten entsprechen können. Hingegen wurde bislang nicht untersucht, wie zufrieden Personen mit dem Entscheidungsprozess selbst sind. Zufriedenheit beim Fällen von stellvertretenden Entscheidungen ist jedoch ein wesentlicher Faktor, um sich dieser Verantwortung stellen und familiären Konflikten vorbeugen zu können.

Die Autoren der Basler Studie haben mit über 900 Personen hypothetische Szenarien durchgespielt, wobei den Probanden jeweils nach dem Zufallsprinzip die Rolle eines Patienten oder die des Stellvertreters zugewiesen wurde. Für den ersten Teil der Studie befragten die Forscher 64 Schweizer Mehrgenerationen-Familien mit insgesamt 253 Teilnehmern. Mit ihnen spielten sie 24 Szenarien durch, wobei die Wissenschaftler die Genauigkeit maßen, mit der die Stellvertreter den Willen der Patienten einschätzen konnten. Dabei zeigte sich, dass sich die Szenarien in punkto Genauigkeit nicht wesentlich unterscheiden – unabhängig davon, ob die Entscheidung von einem vom Patienten benannten Vertreter getroffen wurde, ob sie auf einem gemeinsamen Beschluss von Familienmitgliedern beruhte oder ob es sich um den Entscheid eines gesetzlichen Stellvertreters handelte.

Damit rückte die Präferenz für das Verfahren in den Fokus der Forscher: Im zweiten Teil der Studie beurteilten 668 Probanden, welche Entscheidungsmethoden sie bevorzugen würden, wenn sie stellvertretend für einen Angehörigen über eine medizinische Behandlung zu befinden hätten oder wenn für sie als Patienten eine stellvertretende Entscheidung gefällt werden müsste.

Die Forscher schließen, dass sowohl die hypothetischen Patienten als auch ihre Stellvertreter eine Entscheidung bevorzugen, die durch einen Vertreter getroffen wird, den ein Patient im Voraus bestimmt hat. „Unsere Studienergebnisse zeigen hier eine stichproben- und rollenübergreifende Präferenz bezüglich der Entscheidungsmethode, die für beide Parteien gilt“, erläutert Studienleiter Doktor Renato Frey. Auf den Plätzen zwei und drei folgen geteilte Entscheidungsmethoden. Dabei treffen Familien aufgrund einer Diskussion eine gemeinsame Entscheidung, oder die einzelnen Familienmitglieder geben gleichberechtigte Voten ab, wobei die Mehrheit entscheidet.

Deutlich weniger zufriedenstellend werden Verfahren beurteilt, bei denen Entscheidungen durch einen Arzt oder einen gesetzlich bestellten Stellvertreter getroffen werden oder die sich daran orientiert, wie sich andere in dieser Situation verhalten haben. „Eine wichtige Botschaft unserer Studie ist, dass die Zufriedenheit mit dem Prozedere nicht zulasten der Betroffenen geht“, so Frey. „Denn wir konnten nachweisen, dass die bevorzugten Methoden den tatsächlichen Willen des Patienten genauso gut vorhersagen wie die anderen Methoden.“

MEDICA.de; Quelle: Universität Basel