Sterbehilfe – ein Menschenrecht?

Vor wenigen Wochen, am 1. November 2014 nahm die an einem tödlichen Gehirntumor leidende, 29-jährige Brittany Maynard1 Medikamente ein, um im Kreis ihrer Familie zu sterben. Vorausgegangen waren Monate der Verzweiflung und Angst, aber auch der Liebe und der Lust am Leben, wie es die junge Frau in mehreren Videos schildert, die sie aufnahm, um für ein Sterben in Würde zu kämpfen.

01.12.2014

 
Foto: Tabletten in einer männlichen Hand

Die Medizinethik wird dringender denn je gebraucht. Sollen Ärzte ihren Patienten aktiv beim Sterben helfen dürfen? Soll es möglich sein einen tödlichen Medikamentenmix zu verschreiben, den Todkranke selbst einnehmen? Diese Fragen werden derzeit aktiv diskutiert; ©panthermedia.net/Lev Dolgachov

Das eigene Ende selbst zu bestimmen, ist für viele ein selbstverständliches Menschenrecht. In der Charta der Menschenrechte sucht man es allerdings vergeblich. Nach wie vor gibt es weltweit viele verschiedene gesetzliche Regelungen zu diesem Thema. Bei dieser Form des Suizids wird immer die Hilfe anderer Menschen benötigt – sei es um die nötigen Medikamente zu verschreiben oder um sie anzureichen. In vielen Diskussionen geht es deshalb weniger um den Wunsch der Kranken zu sterben, sondern um rechtliche Konsequenzen für die Helfer.

In Deutschland wird derzeit das Thema Sterbehilfe erneut im Bundestag diskutiert. Es soll endlich eine verbindliche Regelung geben. Ein Beschluss wird jedoch erst für Herbst 2015 erwartet. Es zeichnet sich jedoch ab, dass die aktive Sterbehilfe, also etwa die Gabe einer bewusst tödlichen Dosis eines Medikamentes, weiter verboten bleiben wird und durch § 216 des Strafgesetzbuches1 geregelt bleiben wird. Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe erinnerte am 13.11.2014 in der Orientierungsdebatte im Bundestag, dass hinter der Debatte Schicksale stehen und betonte, dass er das Töten auf Verlangen ablehnt: „Eine Verklärung der Selbsttötung gleichsam als Akt wahrer menschlicher Freiheit lehne ich ab. Deswegen möchte ich, dass die Selbsttötungshilfe nicht zur öffentlich beworbenen Behandlungsvariante wird, und setze mich als Abgeordneter für die Strafbarkeit organisierter Beihilfe zur Selbsttötung ein.“

Wie fällt man ein Urteil über ein Urteil?

In Deutschland wird noch diskutiert, in den Niederlanden und Belgien ist der assistierte Suizid bereits erlaubt. Eine erhöhte Selbstmordrate war nicht die Folge. Für viele Kranke scheint bereits die Aussicht, ihr Leben bei zu großen Schmerzen selbst beenden zu können, eine Beruhigung zu sein – die sie bis zum natürlichen Ende durchhalten lässt. Wer manchmal in der Diskussion zu kurz zu kommen scheint sind die, von denen die Hilfe zum Sterben verlangt wird. Der Ärzteschaft. Meistens zwei Ärzte fällen das Urteil, so ist es zum Beispiel in der Schweiz und Amerika, ob ein Patient einen tödlichen Medikamentenmix auf Rezept erhält. Hierfür müssen sie erkennen, inwieweit der Kranke noch urteilsfähig ist. Nicht immer eine leichte Aufgabe. Die Ethikkommission der Schweizerischen Akademie der Wissenschaften will zum Beispiel aus diesem Grund neue Behandlungsgrundsätze ausarbeiten. Manuel Trachsel2, Oberassistent am Institut für Biomedizinische Ethik der Universität Zürich, wird in der begleitenden Presseerklärung wie folgt zitiert: „ Die Erhebung der Urteilsfähigkeit ist alles andere als trivial“ und weiter „Die meisten Ärzte haben ihre eigenen Faustregeln, um zu bestimmen, ob ein Patient urteilsfähig ist oder nicht.“ Definierte Leitlinien, die es bereits gibt, sind nur wenigen bekannt oder werden nicht angewendet. Bezug nehmen die Forscher auf eine Studie Namens „Lebensende“, in der rund 760 Ärzte aus der ganzen Schweiz befragt wurden. Abzuwarten bleibt wie umfassend die ausgearbeiteten Grundsätze sein werden und ob sie Grenzfällen überhaupt gerecht werden können. Denn problematisch ist es weniger die Urteilsfähigkeit von jüngeren, morbiden Patienten wie Brittany Maynard zu überprüfen, sondern die von älteren, eventuell dementen Erkrankten festzustellen. Gewissenskonflikte einiger Ärzte sind hier vorprogrammiert.3

Wie immer sich die Diskussion zu diesem Thema entwickeln wird, sicher ist, dass darüber nicht der Ausbau der Palliativmedizin und der Pflege leiden darf. Denn neben dem Sterben in Würde muss das Leben in Würde gewahrt bleiben.

 

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1: www.thebrittanyfund.org

2: Trachsel M, Hermann H, Biller-Andorno N. Cognitive Fluctuations as a Challenge for the Assessment of Decision- Making Capacity in Patients with Dementia. American Journal of Alzheimer’s Disease, 2014.
doi: 10.1177/1533317514539377

3: Lesen Sie mehr im Interview mit Dr. Dr. Ralf Jox

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

©B. Frommann

Simone Ernst
MEDICA.de