Bild: Ein Kind auf einem Spielplatz 
Nicht jedes quirlige Kind muss
gleich ADHS haben; © SXC

Den Zappel-Philipp beschrieb der Frankfurter Arzt Heinrich Hoffmann bereits im 19. Jahrhundert im „Struwwelpeter“. Der zappelt so lange am Esstisch auf seinem Stuhl herum, bis er die Tischdecke mitsamt Tellern und Brot auf den Boden reißt. Heute würden Ärzte bei ihm wohl eine Aufmerksamkeits-Defizit- Hyperaktivitäts-Störung (ADHS) diagnostizieren. Kinder mit ADHS haben Probleme, sich auf eine Sache zu konzentrieren. Sie lassen sich schnell ablenken, sind hyperaktiv, springen ohne Grund auf, rennen herum. Kurz: Sie reagieren impulsiv, ohne lange nachzudenken.

Nicht jedes quirlige Kind hat gleich ADHS. Das auffällige Verhalten muss länger als sechs Monate anhalten und in verschiedenen Umgebungen wie zu Hause und in der Schule auftreten. Eine Diagnose der Störung ist nicht einfach. „Es ist wie ein Mosaik, das Stückchen für Stückchen zusammengetragen werden muss, bevor sich ein ganzes Bild ergibt. Denn einen Test auf ADHS gibt es nicht“, sagt der Forchheimer Kinder- und Jugendarzt Dr. Klaus Skrodzki. Wenn ein Kind zu ihm kommt, bei dem es Hinweise auf die Störung gibt, spricht er nicht nur mit dem Kind und den Eltern, sondern telefoniert auch mit den Lehrern, sieht sich die Schulhefte an. „Das kostet viel Zeit“, berichtet er, „und die nimmt sich nicht jeder Arzt.“ Er weiß von einer immer noch hohen Dunkelziffer bei ADHS zu berichten.

Dabei lässt sich die Störung gut behandeln, wenn sie erst einmal erkannt ist. Je nach Alter des Kindes verordnet der Arzt dann verschiedene Therapien, das können Verhaltenstherapie, Elterntraining oder auch Medikamente sein. Zur Behandlung steht schon seit über 50 Jahren das Stimulans Methylphenidat zur Verfügung. Es regt die Kontrollzentren im Gehirn an, die bei dieser Form der Störung zu wenig aktiv sind. „Der Wirkstoff ist nicht wesensverändernd. Er ermöglicht es den Kindern vielmehr so zu sein, wie sie wären, wenn sie nicht ADHS hätten“, berichtet Skrodzki, der auch Vorsitzender der Arbeitsgemeinschaft ADHS der Kinder- und Jugendärzte ist. Er erlebt immer wieder Mütter, die sagen, sie hätten nach dem Medikament zum ersten Mal das Gefühl, als würde das Kind ihnen wirklich zuhören. Doch auch wenn alle betroffenen Kinder behandelt werden müssen, so müssen nicht alle Medikamente nehmen. „Man kann auch nur `ein bisschen´ ADHS haben“, sagt Skrodzki.

Viele behandelte Kinder können die Medikamente im höheren Alter absetzen und dann ein normales Leben führen. Bleibt die Störung allerdings unerkannt und somit unbehandelt, machen laut Skrodzki ein Drittel der Kinder keinen Schulabschluss. Das Risiko der Betroffenen kriminell zu werden, ist erhöht. Er denkt nicht, dass die Störung eine Modekrankheit ist: „Mode ist das Interesse der Medien und der Öffentlichkeit, nicht das Störungsbild selbst, denn das gibt es schon lange.“

Um ADHS zu erkennen und richtig zu behandeln, müssen Ärzte sich fortbilden. Daher leitet Skrodzki gemeinsam mit PD Dr. Klaus-Peter Grosse im Rahmen des MEDICA Kongresses ein Seminar mit dem Titel „Aufmerksamkeits- Defizit-Hyperaktivitäts-Störung – gesellschaftliches Phänomen oder medizinisches Problem“. Er möchte, dass die Teilnehmer einen Aha-Effekt haben. „Ich hoffe, dass die Menschen aus dem Seminar gehen und denken: jetzt weiß ich was ADHS ist und was ich machen soll.“ So wird in den drei Stunden etwa das Erscheinungsbild anhand von Filmen und Cartoons vorgeführt und vor sinnlosen Therapien wie beispielsweise Algen als Nahrungsergänzungsmittel gewarnt.

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