Studie: Fern-Präkonditionierung bei herzchirurgischen Patienten

06/11/2015
Foto: Arm beim Blutdruckmessen

Bei der Fern-Präkonditionierung wird durch das wiederholte Aufpumpen einer Blutdruckmanschette über den systolischen arteriellen Blutdruck hinaus ein kurzzeitiger Sauerstoffmangel in robusten Körperteilen wie dem Unterarm erzeugt; ©panthermedia.net/ Simone Bühring

Im Rahmen einer Herzoperation kann es zur kritischen Unterversorgung des Herzens, des Gehirns und der Niere mit lebenswichtigem Sauerstoff und Substraten kommen. Aus diesem Grund zielen aktuelle Therapieansätze auf die Vorbeugung oder Reduktion der Organschädigungen.

Hoffnung setzte die Forschung in die sogenannte Fern-Präkonditionierung, bei der der Körper noch vor der Operation auf das kommende Stressereignis vorbereitet wird. In der ersten großen multizentrischen Studie zu diesem Thema konnte allerdings kein klarer Effekt dieser Methode festgestellt werden. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift New England Journal of Medicine veröffentlicht.

Die Sauerstoff- und Substratunterversorgung kann durch eine Ischämie und das folgende Reperfusionssyndrom hervorgerufen werden. Bei der Ischämie handelt es sich um eine Minderdurchblutung oder einen vollständigen Durchblutungsausfall eines Gewebes oder Organs. Sie kann bei einer Operation künstlich ausgelöst werden, weil beispielsweise eine Arterie abgebunden werden muss. Die im Anschluss wiederhergestellte Durchblutung bezeichnet man als Reperfusion. Dieser Prozess aus unterbrochener und wiederhergestellter Durchblutung kann zu Gewebsschädigungen führen. Dem soll durch die Fern-Präkonditionierung vorgebeugt werden. Durch das wiederholte Aufpumpen einer Blutdruckmanschette über den systolischen arteriellen Blutdruck hinaus wird ein kurzzeitiger Sauerstoffmangel in robusten Körperteilen wie dem Unterarm erzeugt. Dadurch soll über die Freisetzung von Botenstoffen - ein angeborener Schutzmechanismus - die Widerstandsfähigkeit weiter entfernter lebenswichtiger Organe, wie Gehirn und Herz, erhöht werden. Im übertragenen Sinne haben die lebenswichtigen Organe gelernt, einen operativ bedingten Sauerstoffmangel zu überbrücken.

Die aktuelle Studie wurde am Universitätsklinikum Schleswig-Holstein (UKSH) in Kiel konzipiert und durch das Programm "Klinische Studien" der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert. Die Ärzte und Wissenschaftler an beiden Standorten des UKSH, an der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel (CAU) und der Universität zu Lübeck (UzL), haben sich neben zwölf weiteren deutschen Universitätsklinika beteiligt, um den Nutzen der Fern-Präkonditionierung auf konkrete klinische Endpunkte zu untersuchen. Innerhalb der RIPHeart-Studie wurden insgesamt 1.403 herzchirurgische Patienten vor der Operation randomisiert einer Interventions- oder Kontrollgruppe zugewiesen, wovon das größte Zentrumskollektiv am UKSH untersucht wurde. Die Patienten erhielten entweder vier Zyklen einer Fernkonditionierung oder einer Scheinintervention. Die Auswertung fokussierte primär auf den Anteil der Patient mit einer postoperativen Komplikation, wie beispielsweise Herzinfarkt oder Nierenversagen.

In der RIPHeart-Studie konnte weder für den Zeitpunkt der Krankenhausentlassung noch nach 90 Tagen ein signifikanter Vorteil durch die Fern-Präkonditionierung gefunden werden. Aufgrund der aktuellen Studienergebnisse des klinisch nicht nachweisbaren Nutzens muss das in der Vergangenheit vielversprechende Konzept der Fern-Präkonditionierung nun in Frage gestellt werden. Potenziell zukünftige Untersuchungen müssten mögliche Störfaktoren wie zum Beispiel Begleitmedikation oder -erkrankungen und auch weitere Patientengruppen in den Blick nehmen. Das könnten etwa Patienten mit einem frischen Herzinfarkt vor der Herzoperation oder mit einer Organtransplantation sein.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Schleswig-Holstein

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