Studie zur Betreuung chronisch Kranker: "Coaching kann Geld einsparen"

Interview mit Günter van Aalst, Leiter der TK-Landesvertretung NRW

Patienten, die chronisch erkranken, lernen meist nach einiger Zeit mit ihrer Erkrankung zu leben. Die Einnahme von Tabletten oder die tägliche Insulinspritze werden zur Routine – und das ist gut so, denn kein Mensch sollte das Gefühl haben, eine Krankheit sitzt ihm im Nacken. Andererseits kann das Gefühl, die Erkrankung "im Griff" zu haben, zu Fehlern führen.

10.06.2014

Foto: Älterer Mann mit Brille und Anzug - Günter von Aalst

Günter van Aalst, Leiter der TK-Landesvertretung NRW; ©Techniker Krankenkasse

So vergessen Diabetiker manchmal ihre guten Vorsätze und schlagen beim Essen über die Strenge oder ein Herzkranker beginnt wieder mit dem Rauchen. Schlimmstenfalls führt das schlechte Krankheitsmanagement dann ins Krankenhaus. Doch bevor es so weit kommt, sollten Maßnahmen ergriffen werden. Die Techniker Krankenkasse führte deshalb eine Studie zum Thema "Telefon-Coaching hilft Schwerkranken und spart Kosten" durch. Wir sprachen mit Günter van Aalst über die interessanten Ergebnisse.

Herr van Aalst, welche Patienten wurden in die Studie aufgenommen?

Günter van Aalst:
Das Projekt richtete sich an Versicherte mit chronischen Erkrankungen, insbesondere Diabetes, Bluthochdruck und Herzkrankheiten, die so krank sind, dass sie ohne Unterstützung absehbar in nächster Zeit ins Krankenhaus gemusst hätten. Insgesamt haben mehr als 35 000 Patienten an dem telefonischen Coaching teilgenommen. Der jüngste Teilnehmer war 33 Jahre, der älteste 79 Jahre alt.

Wie wird ein Telefoncoaching geführt?

van Aalst:
Beim Coaching führen die Teilnehmer alle zwei Wochen ein halbstündiges Telefonat mit ihrem persönlichen Coach. Vorrangiges Ziel der Telefonate ist es, die Patienten zu motivieren, sich gesundheitsbewusst zu verhalten. Gemeinsam mit ihrem Coach definieren sie ihre persönlichen und individuell erreichbaren Ziele und vereinbaren die Schritte dorthin. Feste Bestandteile der Gespräche sind deshalb neben dem Selbstmanagement die Themen Bewegung und Ernährung, die Einnahme von Medikamenten, das Trinkverhalten und auch das Rauchen. Konkret gliederte sich das Coaching in drei Phasen: Die Einführungstelefonate zum gegenseitigen Kennenlernen, die intensiven Coaching-Gespräche in der Hauptphase mit denen eine Veränderung der persönlichen Verhaltensweisen erreicht werden sollte und abschließend gab es noch die Telefonate zur Rückfallprophylaxe.

Welche Qualifikation hatten die Coaches?

van Aalst:
Die Coaches rekrutierten sich aus den medizinischen Pflegeberufen sowie den Sport- und Ernährungswissenschaften. Zusätzlich zu ihren Grundqualifikationen erhielten alle Coaches ein internes Training. Dabei standen der Ausbau der sprachlichen Kompetenz bei Telefongesprächen, aber auch die Weitergabe parasprachlicher Reize wie Stimmlage, Tonfall, Lautstärke und aktives Zuhören im Mittelpunkt.

Die Teilnehmer fühlten sich nach eigenen Angaben nach der Studienteilnahme "deutlich besser". Inwieweit spielte eine mögliche soziale Isolierung der Teilnehmer eine Rolle?

van Aalst:
Dieser Effekt mag im Einzelfall eingetreten sein. Im Rahmen des Studiendesigns war er aber nicht nachweisbar.

Gab es unterschiedliche Ergebnisse zu den verschiedenen Patientengruppen?

van Aalst:
Wir konnten bei dem Projekt ein rundweg positives Fazit ziehen. Die begleitende Projektevaluation zeigte, dass das Coaching eine Verbesserung der subjektiven Gesundheit über alle Diagnosegruppen hinweg bewirkt. Insbesondere Patienten mit einer chronischen Herzkrankheit profitierten vom Coaching. Hier verringerten sich auch die körperlichen Beeinträchtigungen nach eigenen Aussagen deutlich
Foto: Ältere Frau spricht am Telefon

Die Teilnehmer der Studie wurden in regelmäßigen Abständen von geschulten Coaches angerufen; ©panthermedia.net/ goodluz

Welche Kosten konnte die Versicherung durch den Einsatz der Coaches sparen?

van Aalst:
Im Rahmen der wissenschaftlichen Evaluation haben wir die Kostenentwicklung bei den Teilnehmern mit einer Kontrollgruppe verglichen. Die Ergebnisse sind eindeutig: Unabhängig von der Diagnose war die Entwicklung der Gesamtkosten bei den Gecoachten günstiger als bei den Patienten der Kontrollgruppe ohne Coaching. Bei den Krankenhauskosten zeigten sich beispielsweise Einspareffekte von rund 180 Euro je Teilnehmer. Coaching kann also tatsächlich Geld einsparen, wenn es gelingt, damit eine Eskalation im jeweiligen Krankheitsverlauf zu vermeiden.

Wo kommen die Gesundheitscoaches noch zum Einsatz?

van Aalst:
Die TK bietet bereits seit mehreren Jahren für ihre Versicherten kostenlose online Coaching-Angebote. Das Spektrum reicht vom Ernährungs- und FitnessCoach über den AntistressCoach bis zu Programmen zum Nichtrauchen und Motivationstraining. Alle Programme werden von qualifizierten Trainern durchgeführt.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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