Tabuisierung des Leidens

Foto: Läufer beim Start

Gesundheitliche Probleme werden
im Spitzensport oft nicht ernst
genommen; © SXC

Die vom Bundesinstitut für Sportwissenschaft geförderte Analyse „Gesundheit im Spitzensport" mit über 700 Spitzenathleten, Trainern und Funktionären aus den Sportarten Handball und Leichtathletik zeigt die gesundheitsbezogenen Schattenseiten des Spitzensports. Fast die Hälfte der befragten Athleten berichtete über Phasen von Ausgebranntsein und Kraftlosigkeit, fast 30 Prozent gaben an, mindestens einmal im Monat an Schlafstörungen zu leiden und mehr als ein Fünftel klagte über gelegentliche Depression und Melancholie.

Das Problem sei aber, "dass diese Probleme aufgrund der Fokussierung auf die körperliche Leistungsfähigkeit weitestgehend tabuisiert werden", sagt der Tübinger Sportwissenschaftler Professor Ansgar Thiel, der die Studie geleitet hat. Bei der Jagd nach dem sportlichen Erfolg ist für das Zeigen von Schwäche kein Platz.

Gesund sein heißt im Spitzensport, sportlich leistungsfähig zu sein. Spitzensportler sind daher im Allgemeinen sehr leidensfähig, wenn sie ihre sportlichen Ziele erreichen wollen. Sich an körperlichen Grenzen zu bewegen, ist für sie Normalität. Für den Erfolg ernähren sie sich meist bewusst, rauchen kaum und trinken wenig Alkohol. Und sie erleben ihr Leben und die Welt in überdurchschnittlichem Maße als sinnhaft, verstehbar und beeinflussbar - jedenfalls solange die sportliche Leistung stimmt.

"Eigentlich werden nur traumatische Verletzungen wie Frakturen, Sehnen- oder Bänderrisse, die ein Weitermachen unmöglich machen, wirklich ernst genommen. Körperliche Schmerzen, Überlastungssyndrome oder chronifizierte Beschwerden werden oft solange nicht thematisiert, bis die Athleten ausfallen." Der Studie zufolge ist der Arzt im Normalfall in erster Linie Reparateur. Athleten, aber auch Trainer, verlangen vor allem "Fit machen", nicht "Gesund machen".

MEDICA.de; Quelle: Eberhard Karls Universität Tübingen