Im Alter lässt der Tastsinn um bis zu 400 Prozent nach. Eine zentrale Frage in der Altersforschung ist, ob die vielen zu beobachtenden altersbedingten Beeinträchtigungen tatsächlich das Ergebnis von Degenerations- und Abnutzungserscheinungen sind. Wäre dies der Fall, müsste man davon ausgehen, dass sie weitgehend irreversibel wären. Es könnte sich aber auch um eine reine Funktionsstörung im Sinne einer so genannten maladaptiven Plastizität handeln. In diesem Fall wären solche Beeinträchtigungen durch geeignetes Training behandelbar.

Um das ergründen, führten Forscher Versuchsreihen mit 65- bis 89-Jährigen Probanden durch. Sie maßen zunächst die taktile "2-Punkte-Diskriminationsschwelle", die die Tastschärfe der Fingerkuppen objektiv beschreibt. Dazu berührten die Probanden je zwei Nadeln, die in unterschiedlichen Abständen zueinander montiert waren.

Dann absolvierten die Versuchspersonen ein "passives Training": Über mehrere Stunden hinweg wurden ihre Fingerspitzen mittels einer vibrierenden Membran gereizt. Diese kleinen Berührungsreize aktivieren bestimmte Bereiche der Zeigefingerspitze. Die zugrunde liegende Annahme ist, dass Simultanität von Sinnesreizen die Art der synaptischen Übertragung zwischen Nervenzellen und damit Lernprozesse verbessert.

Das Ergebnis der Koaktivierung deutet tatsächlich darauf hin, dass es sich um eine "maladaptive Plastizität" handelt: Nach dreistündiger Stimulation des Zeigefingers hatte sich die taktile Diskriminationsfähigkeit der älteren Versuchsteilnehmer stark verbessert. So erreichte eine 85-jährige Person eine Tastschwelle, wie sie typischerweise bei 50-jährigen zu finden ist. Der entscheidende Vorteil solcher passiver Stimulationsprotokolle ist, dass sie ohne aktives Mitmachen des Teilnehmers und sogar nebenbei ablaufen können.

MEDICA.de; Quelle: Annals of Neurology 2006, Early View