Teleintensivmedizin: Auch die Ärzte profitieren

Interview mit Prof. Thea Koch, Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V.

Damit auch kleine Krankenhäuser ihren Patienten eine optimale Therapie zukommen lassen können, soll die Teleintensivmedizin, mit der man in den USA schon sehr gute Erfahrungen gemacht hat, in Deutschland etabliert werden.

22.07.2015

Foto: Lächelnde Frau mit schulterlangen, dunklen Haaren - Thea Koch

Prof. Thea Koch; ©Universitätsklinikum Carl Gustav Carus an der Technischen Universität Dresden

MEDICA.de sprach mit der Präsidentin der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e.V., Prof. Thea Koch, zum Thema.

Frau Prof. Koch, was ist das besondere an der Telemedizin für Intensivpatienten? Es war doch sicherlich schon immer möglich, Kollegen bei schwierigen Fragen um Hilfe zu bitten.


Thea Koch: Das ist natürlich richtig und gängige Praxis, aber bei der Teleintensivmedizin geht es um mehr. Unser Ziel ist es nicht nur punktuell einen Rat zu geben oder zu erhalten. Es geht um die Behandlung schwerkranker Patienten unter Zuhilfenahme der neuesten technischen Möglichkeiten, die eine direkte Videoübertragung des Patientenzustandes, mithilfe von Video- und Audioverbindungen, sowie Einsicht in die aktuelle Bildgebung erlauben. Damit ist ein Zugriff auf die Expertise von Spezialisten an Zentren und Unikliniken für kleinere Krankenhäuser erst möglich.

Aufgrund der demographischen Entwicklung haben wir eine zunehmende Anzahl kritisch kranker Patienten. Doch es gibt eine Diskrepanz zwischen Kapazitätsbedarf und den verfügbaren Ressourcen an Intensivbetten, aber auch an qualifizierten und erfahrenen Intensivmedizinern. Für die Sicherstellung der flächendeckenden qualitativ hochwertigen Versorgung bietet daher die teleintensivmedizinische Betreuung die Möglichkeit, die Expertise aus den Zentren an viele Krankenhäuser zu holen. Es ist zum Beispiel nicht immer möglich, einen Patienten in ein Spezialzentrum zu verlegen, sei es aus Kapazitätsgründen oder weil ein Patient instabil ist. Deshalb kann durch die Teleintensivmedizin eine leitliniengerechte und den aktuellen Standards entsprechend Behandlung rund um die Uhr gewährleistet werden.

Welche weiteren Vorteile bietet die Teleintensivmedizin?

Koch: Das Behandlungsergebnis, also der Gesundheitszustand der Patienten, hängt entscheidend davon ab, wie konsequent und zeitgerecht er behandelt wurde. Dabei können die „virtuellen“ Visiten sehr hilfreich sein. Das haben bereits Studien in den USA gezeigt. Die Sterblichkeit, die Komplikationsrate und die Aufenthaltsdauer auf der Intensivstation wurde durch die Teleintensivmedizin deutlich gesenkt. Und dies führt wiederum zu einer Senkung der Behandlungskosten insgesamt. Auch die Ärzte profitieren von der Teleintensivmedizin, da sie von Experten außerhalb des eigenen Hauses lernen und deren Expertise nutzen können, wenn es zu kritischen Verschlechterungen bei ihren Patienten kommt. So können sie schneller und gezielter entsprechende Maßnahmen einleiten.

Ist die Telemedizin auf der Intensivstation für alle Patienten gedacht oder nur für bestimmte Gruppen?

Koch: Technisch gesehen können alle Patienten so betreut werden, aber das Ziel ist es, kritisch kranke Patienten telemedizinisch zu begleiten. Also zum Beispiel Patienten, die unter Organversagen, einem septischen Schock oder Mehrfachverletzungen leiden.

Wie kostenintensiv ist diese spezielle Betreuung?

Koch: Man muss an den entsprechenden Zentren erfahrene Fachärzte mit Zusatzbezeichnung für Intensivmedizin beschäftigen, die rund um die Uhr für die telemedizinische Konsiltätigkeit verfügbar sind. Das rechnet sich sicherlich nur, wenn mehrere Krankenhäuser an das System angeschlossen sind und durch die schnellere und bessere Therapie der Patienten Behandlungskosten gesenkt werden können.

Derzeit läuft eine Studie an der RWTH Aachen zum Thema. Wann kann mit einer Auswertung gerechnet werden?

Koch: Die Erfassungsphase des Projektes läuft noch bis Ende Juli, sodass wir mit den ersten Ergebnissen im Oktober rechnen. Hier sind uns die Amerikaner voraus, die bereits in mehreren Studien beeindruckende Verbesserungen der Behandlungsergebnisse durch Telemedizin zeigen konnten. Man kann sagen, dass in den USA keine pharmakologische oder medizinisch-technische Innovation ein vergleichbares medizinisches und wirtschaftliches Ergebnis gezeigt hat wie die Einführung der Teleintensivmedizin.

Das klingt sehr positiv. Wann denken Sie, wird es eine flächendeckende Telemedizin in Deutschland geben?

Koch: Wir stehen noch am Anfang. Wann die Teleintensivmedizin Eingang in die Vergütungsstrukturen findet, um flächendeckend eingesetzt zu werden, lässt sich noch nicht sagen. Wir haben im Mai die Strukturempfehlungen unserer Fachgesellschaft zur Teleintensivmedizin herausgegeben. In dieser Publikation werden die Grundlagen, Indikationen, Voraussetzungen und Bedingungen zum Datenschutz formuliert. Nun muss sich zeigen, dass sich in der Anwendung Erfolge einstellen und ob durch eine entsprechende Leistungsvergütung die Personalkosten und Investitionen gedeckt werden können. Ich denke, wenn man realistisch bleiben möchte, dann dauert es noch um die zehn Jahre, bis wir auf eine flächendeckende Etablierung der Teleintensivmedizin hoffen können.
Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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