Teleintensivmedizin: Qualitätsoffensive in der Versorgung

08.05.2015
Foto: Patient auf einer Intensivstation

Die Teleintensivmedizin soll in den kommenden Jahren deutlich ausgebaut werden; © panthermedia.net/Tyler Olson

Die Teleintensivmedizin ermöglicht neue Wege für eine qualitativ hochwertige Versorgung schwerstkranker Patienten in Wohnortnähe. Durch die virtuelle Zuschaltung von Fachkollegen können auf Intensivstationen kritische Situationen vermieden, bessere Behandlungsergebnisse erzielt und Leben gerettet werden. So das Ergebnis internationaler Studien sowie zahlreicher Projekte in den USA.

Vorreiter in Deutschland ist das Universitätsklinikum RWTH Aachen. Das Modellprojekt zeichnet sich durch eine hohe Zufriedenheit bei Ärzten und Patienten aus.

Um die Vorteile der Teleintensivmedizin flächendeckend verfügbar zu machen, hat die Deutsche Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) auf ihrem diesjährigen Jahreskongress (DAC) in Düsseldorf die Kommission Telemedizin gegründet. Ihr Ziel: Die Rahmenbedingungen für die Verbreitung der Telemedizin in Deutschland zum Wohle der Anästhesie-, Intensiv-, Notfall- und Schmerzpatienten mitzugestalten, Standards zu definieren und die Vergütung sicherzustellen.

"Mit der Telemedizin stehen wir an der Schwelle zu einer neuen Ära in der intensivmedizinischen Behandlung", zeigte sich Professor Thea Koch, Kongresspräsidentin des DAC und Präsidentin der DGAI überzeugt. "Die Menschen werden immer älter und der Bedarf an wohnortnaher und hochwertiger intensivmedizinischer Versorgung wird in den kommenden Jahren weiter steigen." Die Rechnung ist einfach: Je mehr Menschen einen Schlaganfall erleiden, sich einer Herzoperation unterziehen, an einer Lungenentzündung oder einem aggressiven Krebs erkranken, umso höher ist die Anzahl der Patienten, die in einen kritischen, also lebensbedrohlichen Zustand kommen können und schließlich auf der Intensivstation behandelt werden müssen. Für kleinere und mittlere Krankenhäuser stellt diese Entwicklung eine Herausforderung dar. Auf der einen Seite bieten sie ihren Patienten Vorteile wie die Nähe zum Wohnort und somit zu Familie und Freunden. Auf der anderen Seite können sie im Ernstfall nicht die Versorgungsqualität einer Universitätsklinik bieten.

Der Grund: Erfahrung und Qualität in der Intensivmedizin bemessen sich an zwei wesentlichen Faktoren. An der Anzahl der behandelten Fälle und der 24-Stunden-Anwesenheit eines erfahrenen Facharztes mit Zusatzqualifikation Intensivmedizin. Neben der ärztlichen Fachkenntnis ist jedoch auch die schnelle Verfügbarkeit eines Intensivmediziners für den Behandlungserfolg ausschlaggebend. Ein frühes Eingreifen im Krisenfall erhöht für gewöhnlich die Überlebenschancen. Eine 24-Stunden-Verfügbarkeit eines Experten können kleine und mittlere Häuser jedoch oft nicht leisten. "Für sie wird es immer schwieriger die ressourcenaufwendige Versorgung auf der Intensivstation sicherzustellen", erklärte Professor Gernot Marx, Mitinitiator und Sprecher der Kommission Telemedizin. Auch dürfte man nicht vergessen, dass ein Intensivpatient durchschnittlich sechsfach höhere Kosten verursache verglichen mit einem Patienten auf Normalstation.

"Den intensivmedizinischen Herausforderungen der Zukunft können wir mit der Telemedizin effektiv begegnen", weiß Marx aus Erfahrung. Denn sie bringt die fehlende Fachkenntnis auf schnellstem Wege dorthin, wo sie gebraucht wird. Wie das funktioniert zeigt TIM (Telematik in der Intensivmedizin), das deutschlandweit erste telemedizinische Modellprojekt im Bereich der Intensivmedizin. Das unter Mitwirkung des Direktors der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum RWTH Aachen extra gegründete Telemedizinzentrum ist mit zwei Krankenhäusern der Region über eine verschlüsselte und sichere Datenleitung verbunden. Während täglicher Tele-Visiten oder im Krisenfall können die Partnerhäuser auf ein aus erfahrenen Intensivmedizinern bestehendes Team zurückgreifen. Durch die Echtzeitübertragung der Patientenwerte unterstützen die Experten ihre Kollegen vor Ort bei wichtigen Entscheidungen in Sekundenschnelle. Noch ist das Modellprojekt nicht ausgewertet, aber die Erfahrungen der letzten eineinhalb Jahre sprechen für die Vorteile und zwar für Ärzte und Patienten. "Getreu des Mottos ‘gemeinsam kompetenter‘ können sich die Kooperationspartner ihren Arbeitsalltag ohne die telemedizinische Unterstützung überhaupt nicht mehr vorstellen", ergänzte Marx.

Noch steckt die Telemedizin in Deutschland in den Kinderschuhen. Ihre Erfolge in der Intensivmedizin indes sind unbestritten, wie internationale Studien belegen. Durch zusätzliche teleintensivmedizinische Maßnahmen lässt sich die Sterblichkeitsrate bei Intensivpatienten deutlich senken, die Patienten können die Intensivstation früher verlassen und der Krankenhausaufenthalt verkürzt sich. Das senkt außerdem die Behandlungskosten. "Die Daten zeigen deutlich das Potenzial, das in der Teleintensivmedizin steckt", bilanziert Koch. "Keine andere medikamentöse oder technische Innovation der letzten 20 Jahre lieferte ein auch nur annähernd beeindruckendes medizinisches und wirtschaftliches Ergebnis. Jetzt müssen nur noch die richtigen Weichen gestellt werden."

MEDICA.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften

Mehr über die Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften unter: http://awmf.org