Test zeigt wie Hirn und Gliedmaßen miteinander kommunizieren

Wer schon einmal lokal betäubt wurde und zusehen durfte, wie an seinem Bein oder Arm operiert wurde, kennt diese seltsame Wahrnehmung. Der eigene Körperteil kommt einem in diesem Moment fremd vor, als gehöre er nicht zum eigenen Körper.

28/03/2016

 
Grafik: Darstellung eines Mannes; Gehirn und Rückenmark rot makiert

Der Test der ETH Zürich soll zeigen, wie Gehirn und Gliedmaßen von Rückenmarksgeschädigten Patienten reagieren; ©panthermedia.net/CLIPAREA

Dies liegt unter anderem daran, dass das Gehirn noch immer die Position gespeichert hat, welche die Gliedmasse vor der örtlichen Betäubung innehatte. Sobald die Wirkung der Anästhesie abklingt, ist der Spuk vorbei.

Bei Menschen, die eine Verletzung des Rückenmarks oder einen Schlaganfall erlitten haben, geht diese "Entfremdung" der eigenen Gliedmassen jedoch nicht vorüber. Denn eine solche Verletzung beeinträchtigt oder unterbricht die Kommunikation zwischen Gehirn und Körper. Dies beeinflusst die anatomische Rekonstruktion des Körpers im Gehirn, die sogenannte Körperrepräsentation.

Denn Hirn und Gliedmassen wie Arme, Beine, Füsse oder Hände tauschen ständig Daten über Lage, Orientierung und Zustand aus, sogenannte somatosensorische Informationen. Auch das Auge ist an der Körperwahrnehmung beteiligt. Das Gehirn verarbeitet diese visuellen und somatosensorischen Informationen zu einem Bild des Körpers, das in der Grosshirnrinde "abgelegt" wird. Unter Experten und Ärzten ist bis heute allerdings umstritten, ob und wie stark die Schädigung des Rückenmarks die Körperrepräsentation verändert. Die Studien, die dazu durchgeführt wurden, sind widersprüchlich.

Nun haben Forscher verschiedener Institutionen unter Co-Leitung von Prof. Roger Gassert, vom Labor für Rehabilitationstechnik, mit einer neuen Studie mehr Licht in die Sache gebracht. Diese wurde soeben in der Fachzeitschrift Scientific Reports veröffentlicht. Im Rahmen dieser Studie untersuchten die Forscher mit Hilfe eines Tests, ob und wie sehr die Körperrepräsentation bei Querschnittgelähmten von denjenigen bei Gesunden abweicht.

Dazu erarbeitete Erstautor Silvio Ionta während seines Forschungsaufenthaltes an der ETH Zürich eine Aufgabe, bei der die Probanden Bilder von fremden Körperteilen wie Fuss und Hand sowie Ganzkörperfotos gezeigt bekamen. Die Probanden konnten ihre eigenen Hände und Füsse während der Bildpräsentation nicht sehen, hielten diese aber entweder parallel zueinander oder gekreuzt.

Die Probanden - darunter elf mit kompletter oder mit teilweiser Durchtrennung des Rückenmarks sowie 16 Kontrollprobanden mit intaktem Rückenmark - mussten anhand der präsentierten Bilder die Körperseite der gezeigten Körperteile bestimmen. Die Bilder wurden in verschiedenen Orientierungen gezeigt. Die Forscher missten die Reaktionszeit zwischen Bildpräsentation und verbaler Antwort. "Mit diesem Test können wir indirekt auf objektive Weise abfragen, ob und wie Hirn und Gliedmassen miteinander kommunizieren", sagt Gassert.

Am schwierigsten war die Aufgabe für Probanden mit vollständiger Rückenmarksdurchtrennung. Für die Beurteilung der Lage und Orientierung des gesamten Körpers brauchten sie deutlich länger - bis zu 50 Prozent mehr Reaktionszeit - als Probanden mit unversehrtem Rückenmark. "Je stärker das Rückenmark zerstört ist, desto größer ist die Reaktionszeit für die Beurteilung von Bildern des Körpers, desto stärker ist auch die Ganzkörper-Repräsentation im Gehirn verändert", sagt er.

Das Gehirn nehme während dem Betrachten der Bilder unbewusst die eigene aktuelle Körperlage wahr und diese beeinflusse die Beurteilung des Bildes. Sei das Rückenmark komplett durchtrennt, erhalte das Gehirn nur noch visuelle Reize. "Die Körperrepräsentation ist somit gestört, und es fällt den Betroffenen schwerer, die gestellte Aufgabe zu lösen."

Mit den Tests konnten die Forscher aber auch eine Einschätzung darüber gewinnen, wie stark die teilweise oder komplette Querschnittlähmung die Repräsentation der gezeigten Körperteile beeinflusst. So war bei allen Probanden die Handrepräsentation unverändert. Hielten die Probanden während den Tests ihre eigenen Hände gekreuzt, stieg die Reaktionszeit bei allen drei Gruppen vergleichbar an.

Die Haltung der Füße jedoch beeinflusste die Reaktionszeit merklich. Dabei zeigten Probanden mit kompletter Querschnittlähmung eine geringere Reaktionszeit, bis sie ihre Antwort formulieren konnten, als Probanden mit teilweiser Lähmung und gesunden Kontrollprobanden. Dies deutet darauf hin, dass das Gehirn von Menschen mit kompletter Durchtrennung des Rückenmarks den Fuß anders repräsentiert als Menschen, deren Gehirn noch Informationen aus den unteren Extremitäten empfängt.

Dass Probanden mit teilweiser oder kompletter Lähmung die Aufgaben ebenso genau und richtig wie gesunde Probanden lösen können, heißt für Gassert auch, dass die Repräsentation im Gehirn dynamisch und anpassungsfähig ist.

Die Studie hat laut Gassert auch Auswirkungen auf Rehabilitation und Therapie von Menschen mit Querschnittlähmungen. "Dieser Test kann in der Klinik dabei helfen, den Grad der Veränderung der Körperrepräsentation im Gehirn objektiv zu erfassen."

Er kann sich aber auch vorstellen, dass die mit diesem Testverfahren gewonnenen Erkenntnisse dabei helfen, die Netzwerke im Gehirn, die für die Körperrepräsentation zuständig sind, zu stimulieren und so aktiv zu erhalten, dies auch im Hinblick auf mögliche Mensch-Maschinen-Schnittstellen. Diese könnten in Zukunft wichtig werden, um das Gehen mit Exoskeletten oder Prothesen zu ermöglichen.

"Dieser Ansatz könnte dabei helfen, die Körperrepräsentation auch nach einer Rückenmarksverletzung 'wach' zu halten. In einem zweiten Schritt könnte dies dazu dienen, mentale Befehle standardisiert zu erzeugen und damit ein Exoskelett mit einer Gehirn-Computer-Schnittstelle zu bewegen", sagt Gassert.

MEDICA.de; Quelle: ETH Zürich

Mehr über die ETH Zürich unter: www.ethz.ch/de