Textilien in Krankenhaus und Praxis – Es geht den Keimschleudern an den Kragen

Interview mit Dr. Anja Gerhardts vom William-Küster-Institut für Hygiene, Umwelt & Medizin zur "Studie zu Praxistauglichkeit und Nutzen antimikrobieller Textilien in Pflegesituationen"

01.06.2016

In manchen Krankenhäusern ist das Statussymbol der Mediziner schon lange verboten – der Arztkittel. Untersuchungen hatten ergeben, dass besonders die Ärmel mit verschiedenen Erregern belastet waren. Da hilft es wenig, wenn der Arzt gründlich die Hände desinfiziert, aber der Kittel "dreckig" bleibt. Doch nicht nur Arztkittel können im Gesundheitsbereich Keime übertragen. Verschiedene Textilien kommen dort zum Einsatz. Wäre es deshalb nicht sinnvoll, diese antimikrobiell auszurüsten? Eine neue Studie liefert Antworten.

Foto: Anja Gerhardts

Anja Gerhardts ; © Hohenstein Institute

Frau Dr. Gerhardts, im Gesundheitssektor muss sehr darauf geachtet werden, dass Keime nicht verschleppt werden. Werden Textilien in diesem Bereich besonders hergestellt und geprüft?

Anja Gerhardts: Textilien im Gesundheitssektor müssen je nach Anwendungsbereich steril oder keimarm zur Verfügung gestellt werden. Die gesetzlichen Vorgaben beziehen sich deshalb hauptsächlich darauf, dass eine Sterilisation durchgeführt wird oder Textilien in einem desinfizierenden Waschprozess aufbereitet werden. Bei der Benutzung von Textilien lässt es sich natürlich nicht vermeiden, dass diese mit Keimen kontaminiert werden. Es gibt funktionalisierte Textilien, zum Beispiel solche mit einer Barrierewirkung, für besonders sensible Bereiche wie den OP. Eine weitere Funktionalisierung ist die Ausrüstung von Textilien mit antimikrobiellen Wirkstoffen, welche die Besiedlung von Textilien mit Bakterien oder anderen Krankheitserregern verhindern sollen. Durch das Abtöten der Keime an der ausgerüsteten Faser wird indirekt auch die Keimverschleppung durch das Textil minimiert. Solche Effekte werden standardmäßig in Labortests überprüft, zum Beispiel die antibakterielle Wirksamkeit mit der Norm DIN EN ISO 20743. Im Praxiseinsatz herrschen jedoch andere Bedingungen als in der Laborprüfung.

Sie haben kürzlich eine Studie abgeschlossen, in der es um die Praxistauglichkeit antimikrobieller Textilien ging. Was und wie haben Sie getestet?

Gerhardts: Wir haben verschiedene auf dem deutschen Markt erhältliche, antibakteriell ausgerüstete Textilien unter praxisnahen Bedingungen untersucht. Das heißt, wir haben die Standard-Laborprüfung in verschiedenen Parametern modifiziert. In der Praxis werden Keime in der Regel eingepackt in einer organischen Substanz übertragen, also in Blut, Speichel oder Wundsekret. Diese Substanzen stabilisieren die Keime und machen sie resistenter gegenüber schädlichen Umwelteinflüssen. Außerdem wollten wir wissen, ob nosokomiale Erreger auch schon nach kurzer Zeit, zum Beispiel in 10 Minuten, auf den Textilien abgetötet werden. Wir haben also ganz verschiedene Testkeime in organischer Belastung mit kurzen Einwirkzeiten untersucht, um realistischere Bedingungen im Labortest zu schaffen. Darüber hinaus haben wir die Keimtransfer-Eigenschaften der antibakteriell wirksamen Textilien im Vergleich zu unausgerüsteten Textilien in Keimübertagungsmodellen untersucht. Dazu haben wir getestet, wie viele Bakterien durch ein kontaminiertes Textil auf eine menschliche Hand übertragen werden oder wie viele Keime im Wischversuch durch ein Reinigungstuch verschleppt werden. Die Ergebnisse aus diesen Testmodellen haben natürlich eine deutlich höhere Bedeutung für die Praxis als die der Normprüfung. Hier trennt sich die Spreu vom Weizen. Nur wenige unserer Testmuster zeigten unter den verschärften realitätsnahen Bedingungen noch eine signifikante Wirksamkeit gegen die Testkeime. Dennoch haben unsere Ergebnisse gezeigt, dass der Einsatz antibakterieller Bekleidung oder Bettwäsche im Gesundheitswesen als hygienische Zusatzmaßnahme genutzt werden kann. Dies ist derzeit aber noch nicht sehr verbreitet.

Foto: Modernes leeres Krankenhausbett

Viele Textilien im Krankenhaus können potentiell Keime übertragen. Spezielle Verfahren, mit denen die Textilien behandelt werden, könnten helfen die Übertragunsrate zu verringern; © panthermedia.net/Sabine Thielemann

Wie können Hersteller solcher Textilien eine Verbesserung ihrer Textilien bewirken?

Gerhardts: Die von uns untersuchten Textilien basierten auf verschiedenen Materialien, Herstellungs- und Ausrüstungstechnologien sowie Wirkstoffen. Daher lässt unsere Datenlage es bisher nicht zu, eindeutige Empfehlungen auszusprechen. Sowohl faserdotierte als auch beschichtete Stoffe zeigten sich als geeignet. Die besten Wirksamkeiten haben wir in dieser Studie mit Silber- oder Biguanid-basierten Ausrüstungen erzielt. Für die Praxistauglichkeit antibakterieller Textilien ist in jedem Fall wichtig, dass der Wirkstoff zum einen an der Faseroberfläche zur Verfügung steht, um schnell mit den Bakterien in Wechselwirkung zu treten, und zum anderen ausreichend fest gebunden ist, um gleichzeitig eine gute Waschpermanenz und Haltbarkeit der Ausrüstung zu erzielen. Dies ist eine enorme Herausforderung und benötigt großes technisches Know-how. Hersteller sollten ihre Produkte stets auch mit Blick auf die Praxisanwendung entwickeln und optimieren. Hierzu sind Prüfungen mit den neu entwickelten praxisnahen Testmodellen vorteilhaft nutzbar.

Zur Info:
Das IGF-Vorhaben 17832 N der Forschungsvereinigung Forschungskuratorium Textil e.V., Reinhardtstraße 12-14,10177 Berlin wurde über die AiF im Rahmen des Programms zur Förderung der industriellen Gemeinschaftsforschung und -entwicklung (IGF) vom Bundesministerium für Wirtschaft und Energie aufgrund eines Beschlusses des Bundestages gefördert. Der Schlussbericht zum Forschungsvorhaben ist für die interessierte Öffentlichkeit in der Bundesrepublik Deutschland verfügbar und kann über die Forschungsstelle (Hohenstein Institut für Textilinnovation gGmbH) bezogen werden.

Foto: Simone Ernst; © B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
MEDICA.de