Tissue Engineering: Knorpel aus dem Reagenzglas

Interview mit Dr. Justus Gille, Oberarzt an der Klinik für Unfallchirurgie, Traumatologie und Sporttraumatologie am Universitätsklinikum Schleswig Holstein, Campus Lübeck

15/11/2016

Knorpelgewebe nach einem Unfall zu regenerieren, ist für Chirurgen sehr schwer. Seit Jahrzehnten wird an dieser Thematik geforscht. Therapiemöglichkeiten gibt es viele, erste Ergebnisse aber erst nach jahrelanger Prüfung.

Bild: Dr. Justus Gille auf der MEDICA ; Copyright: beta-web/Lormis

Bild: Dr. Justus Gille auf der MEDICA; © beta-web/Lormis

Dr. Justus Gille hat am Montag auf der MEDICA EDUCATION CONFERENCE einen Vortrag zum Thema Tissue Engineering in Orthopädie und Unfallchirurgie gehalten, welches sich mit diesem Problem beschäftigt hat.

Herr Dr. Gille, worum ging es genau in Ihrem Vortrag?

Dr. Gille: Es ging um ein Problem, dass in der Medizin schon immer besteht. Der Körper besitzt bei Knorpelschäden nicht ausreichend Potenzial, um Knorpelersatzgewebe in hoher Qualität zu bilden. Defekte können mit der Zeit immer größer werden und in einer Arthrose münden. In meinem Vortrag ging es darum, wie wir bestehende Therapieansätze verbessern und somit auch den Gelenkverschleiß verhindern können. Knorpelschäden gehören zu den Volkskrankheiten ihre Behandlung ist komplex. Es hat sich bereits sehr viel getan, trotzdem sind wir noch nicht bei einer endgültigen Lösung angekommen.

Es gibt viele verschiedene Therapiemöglichkeiten, eines davon ist das Tissue Engineering, welches die Regeneration von Knorpelgewebe leisten soll. Beim Tissue Engineering gibt es verschiedene Varianten. Eine Möglichkeit ist, die körpereigene Regeneration des Körpers anzuregen, sodass in dem Knorpelschaden Ersatzgewebe entsteht. Bei einer anderen Möglichkeit erzeugen wir ein Zell-Matrix-Konstrukt in einem Reagenzglas, welches durch eine Operation in den Knorpelschaden eingefügt wird. Dazu wird vorab Gewebe entnommen. Dieses Verfahren dauert mehrere Wochen und wird seit Jahrzehnten erforscht und verbessert. Schweizer Forscher haben es aber auch schon geschafft, Knorpelgewebe von der Nase zu entnehmen und damit Knieverletzungen zu behandeln. So fällt nur eine Operation an. Aktuell eignen sich die Therapiemöglichkeiten nur für begrenzte Knorpelschäden, die zum Beispiel durch Unfälle entstanden sind. Ausgedehnte Schäden wie bei der Arthrose können damit nicht mehr therapiert werden.

Was sollte in etwa zehn Jahren bereits mit dem Tissue Engineering im Bereich der Unfallchirurgie möglich sein?

Gille: Man muss dem Körper so Anreize setzen können, dass er selbst Ersatzgewebe bilden kann. Dies ist aktuell noch nicht möglich, aber daran wird gearbeitet.

Was sind in Ihren Augen die größten Hindernisse für diese Entwicklungen?

Gille: Wenn man gezielt Wachstumsfaktoren zur Knorpeltherapie verwenden will, damit hochwertiger Ersatzknorpel entsteht, muss viel ausprobiert und beobachtet werden. Man tastet sich aktuell Stück für Stück an diese Thematik heran. Es ist schwierig, den Effekt neuer Therapien zu bewerten, da es mehrere Jahre dauert, bis wir gesichert Ergebnisse feststellen können. Wir müssen die Erfolge über einen langen Zeitraum beobachten, bevor wir hundertprozentig sagen können, dass die Therapie erfolgreich war. Somit ist die Zeit eines unserer größten Probleme. Wenn wir es schaffen, hochwertiges Knorpelgewebe zu regenerieren, verhindern wir gegebenenfalls auch eine anschließende Arthrose. Vor diesem Hintergrund wurde der Begriff der Bioprothese geprägt.

Werden wir in Zukunft Körperteile aus dem 3D-Drucker oder aus dem Labor bekommen?

Gille: Es wird wahrscheinlich eine Kombination aus beidem sein. Der 3D-Drucker gibt uns ein Konstrukt vor, aber dort ist noch kein "Leben" drin. Ich kann mir durchaus vorstellen, dass der Drucker eine Matrix erstellt, die der Körper quasi mit Biologie füllen muss, mit lebendem Gewebe. Technik und Biologie müssen hier zusammenarbeiten.

Foto: Lorraine Dindas; © B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Lorraine Dindas.
MEDICA.de