Training: "Jeden Fehler, den die Teilnehmer am Simulator machen, müssen sie nicht erst am Patienten erfahren"

Interview mit Dr. Michael Müller, leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin, Universitätsklinikum Dresden

Im Ernstfall muss jeder Handgriff sitzen - die Behandlung von Notfallpatienten ist zeitkritisch und meistens überlebenswichtig. Mögliche Fehler können verheerend sein. Um sie zu vermeiden, benötigen Notärzte und Rettungsassistenten Routine und Erfahrung, die sie nicht immer im Einsatz erwerben können. An Patientensimulatoren können sie sich auf seltene Situationen vorbereiten.

01.04.2014

Foto: Intubationsübung am Patientensimulator; Copyright: panthermedia.net/Tyler Olson

Intubation am Patientensimulator; ©panthermedia.net/ Tyler Olson

MEDICA.de sprach mit Dr. Michael Müller, leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie und Intensivmedizin am Universitätsklinikum Dresden, über das Training seltener Szenarien. Als Leiter des Interdisziplinären Simulatorzentrums Medizin Dresden (ISIMED) ist er Experte für die Aus- und Weiterbildung an Patientensimulatoren in der Notfallmedizin.

Herr Dr. Müller, in Ihrem Vortrag auf dem DINK 2014 stellten Sie die Frage "Kann Simulatortraining in der Medizin die Praxis ersetzen?" Was ist der Anstoß für diese Frage?

Dr. Michael Müller: In der Notfallmedizin gibt es verschiedene Prozeduren, die Notärzte oder Rettungsassistenten nur selten in der Praxis durchführen. So erhalten sie nicht genügend Expertise, um die entsprechenden Notfälle sicher zu bewältigen. Die Patientensimulation ist eine Möglichkeit, diese Prozeduren zu trainieren. Dabei stellen wir uns natürlich auch die Frage: Ist das Training am Simulator so effektiv wie die Praxis am Patienten?

Für welche Fälle eignet sich Simulatortraining besonders?

Müller: Patientensimulatoren sind als Ressource teuer und machen einen hohen Personalaufwand notwendig. Deshalb wählt man Szenarien aus, die für die Teilnehmer besonders wertvoll sind. Solche Szenarien sind selten, aber auch überlebenswichtig. Ein Beispiel dafür wäre das korrekte Erkennen eines Spannungspneumothorax. Wenn dieser Zustand nicht innerhalb weniger Minuten erkannt und adäquat behandelt wird, kann der Patient versterben. Wer den Spannungspneumothorax einmal am Simulator erlebt hat, wird ihn auch mit hoher Wahrscheinlichkeit im Ernstfall erkennen.
Foto: Arbeit am Simulator; Copyright: panthermedia.net/Tyler Olson

Die Arbeit am Simulator schult nicht nur die technischen Fähigkeiten der Mediziner. Auch Kommunikation, Teamarbeit und situatives Bewusstsein werden verbessert; ©panthermedia.net/ Tyler Olson

Was ist State-of-the-Art im Simulatortraining?

Müller: Das lässt sich pauschal nicht beantworten. Unterschiedliche Simulatoren haben unterschiedliche Fidelitätsgrade, und je nach Lernziel setzt man einen anderen Simulator ein. Ich glaube, es ist sehr wichtig, für die verschiedenen Kurse das richtige Lehrmittel auszuwählen. Das reicht von einfachen Geräten für einige hundert Euro bis zu einem sehr teuren Simulator, der fast 300.000 Euro kostet.

Was zeichnet speziell dieses sehr teure Gerät aus?

Müller: Er stellt viele physiologische Funktionen wie EKG, Blutdruck und die Sauerstoffsättigung des Blutes dar. Man kann den Simulator an echte Überwachungsmonitore anschließen. Die Anwender können so die gleichen Geräte im Training wie in der Praxis nutzen. Er erkennt ungefähr 80 Medikamente selbstständig und reagiert auf deren Gabe wie ein echter Mensch. Seine Ausatemluft ist mit der eines echten Menschen identisch, sodass auch der Gehalt eines Narkosegases gemessen werden kann. Im Grunde genommen ist es ein klassischer Anästhesiesimulator.

Was macht ein effektives Simulatortraining in der Notfallmedizin aus?

Müller: Bei einem effektiven Simulatortraining kommt es mehr auf die Umgebung als auf die Puppe an. Das Fallszenario sollte dem echten Setting entsprechen. Das kann beispielsweise ein Wohnzimmer sein, in dem wir einen Herzinfarkt zuhause simulieren, komplett mit Schauspielern, die Angehörige darstellen. Wenn die Arbeitsumgebung des Notarztes sehr real ist, dann hat er nach wenigen Minuten auch das Gefühl, sich in einer echten Situation zu befinden. Im Grunde ist es wichtig, dass das Training so realistisch wie möglichist.

Die Teilnehmer der Trainings erfahren auch einen sehr realistischen Stress, was wir in Untersuchungen zur Stressreaktion belegen konnten. In solch einer realistischen Arbeitsumgebung machen sie die gleichen Handlungen und Fehler wie im Ernstfall auch. Im Debriefing können sie anhand der Videoaufzeichnungen Fehler sehen und daraus lernen.
Foto: Reanimation am Simulator; Copyright: panthermedia.net/macor

In der Praxis seltene Szenarien, wie die Reanimation eines Patienten, werden vorzugsweise am Simulator trainiert; ©panthermedia.net/ macor

Am Universitätsklinikum Dresden befindet sich das Simulatorzentrum ISIMED. Was erfahren Sie dort über den Nutzen des Trainings, welches Feedback bekommen Sie?

Müller: Simulatortraining ist sehr viel Arbeit für die Instruktoren und Teilnehmer. Aber alle Teilnehmer sind dankbar dafür, dass sie es erleben konnten. Hier wird ganz offen über Fehler diskutiert und jeder Teilnehmer bringt seine Erfahrungen ein. So lernen auch die Instruktoren dazu, wenn die Teilnehmer erklären, was sie in der Praxis anders machen. Das ist ein wertvoller Erfahrungsaustausch und viele Teilnehmer kommen regelmäßig zu uns.

Wie sieht ein Debriefing aus?

Müller: Wir zeichnen das Szenario in der Regel auf Video auf und haben parallel auch eine Videokonferenz: Typischerweise sind zwei bis drei Teilnehmer gleichzeitig im Szenario, die anderen schauen in der Konferenz zu und erhalten bestimmte Beobachtungsaufgaben. Die betreffen einmal die technischen Fähigkeiten, also die Maßnahmen, die am Simulator durchgeführt werden. Andererseits sollen sie auch auf die nicht-technischen Fähigkeiten achten: Teamarbeit, Aufgabenteilung und situatives Bewusstsein.

Im eigentlichen Debriefing zeigen wir ausgewählte Sequenzen des Videos und diskutieren gezielt darüber, wo etwas übersehen wurde und wie wir dafür sorgen können, dass ein wichtiger Messwert oder eine wichtige Diagnose das nächste Mal erkannt werden. Diese Kombination aus gezieltem Beobachten, Feedback durch Kollegen und Instruktoren und Videoanalyse hilft uns dabei, den Fehler im nächsten Szenario zu vermeiden. Und jeden Fehler, den die Teilnehmer am Simulator machen, müssen sie nicht erst am Patienten erfahren.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde von Timo Roth auf dem Deutschen Interdisziplinären Notfallmedizinkongress DINK 2014 in Wiesbaden geführt.
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