UV-Licht sorgt für Durchblick

Foto: Kunstlinse

Kunstlinse unmittelbar vor der Im-
plantation ins Auge; © TU München

Kein Blick in die Sonne ohne „SoFi“-Brille. Das rieten Ärzte, als sich vor fünf Jahren in einer partiellen Sonnenfinsternis der Mond vor den Feuerball schob. Zu viel intensives UV-Licht schadet den Augen. Richtig dosiert kann die Strahlung aber nutzen. Wie zum Beispiel bei einem neuen Verfahren, mit dem in Deutschland seit Kurzem an zwei Unikliniken Patienten mit Grauem Star behandelt werden. Ihnen wird eine spezielle, durch Licht anpassbare Kunstlinse eingesetzt. Im Fachjargon heißt sie „light adjustable lens“ (LAL).

Dass Menschen mit Grauem Star durch eine künstliche Linse geholfen werden kann, ist nicht neu: Der chirurgische Eingriff wird in Deutschland 600 000 Mal pro Jahr durchgeführt und ist damit für Ärzte Routine. Anders ist das beim Einsatz des neuen Implantats. „Seit April dieses Jahres haben wir 23 Patienten die Linse eingesetzt. Bei zwölf Patienten ist die Behandlung abgeschlossen“, erklärt Doktor Fritz Hengerer, Oberarzt am Knappschaftskrankenhaus Bochum-Langendreer der Ruhr-Universität Bochum. Die Patienten seien alle sehr zufrieden.

Licht beeinflusst die Brechkraft

Die durch Licht justierbare Linse ist genauso wie bisher verwendete Standardlinsen aufgebaut. Neu ist, dass die LAL zusätzlich lichtempfindliche Moleküle enthält, die zum Zeitpunkt der Operation noch nicht aneinander gebunden sind. Werden diese Teilchen mit UV-Licht bestrahlt, wandern sie, abhängig von der Intensität der Strahlung: Die Linse zieht sich zusammen oder sie dehnt sich - Kurz- oder Weitsichtigkeit kann so ausgeglichen werden. Die Bestrahlung kann mehrmals wiederholt werden, bis die gewünschte Sehstärke erreicht ist. Dann erfolgt das „log in“: Die Linse wird mit einer anderen Intensität als zuvor bestrahlt und die Brechkraft dauerhaft fixiert. Auch eine Hornhautverkrümmung können Ärzte nach eigenen Angaben durch das Verfahren beheben.

„Beim Einsatz einer Standardlinse wird die Brechkraft vorher genau berechnet, aber trotz moderner Diagnostik brauchen noch 30 Prozent der Patienten hinterher eine Brille“, erklärt Professor Chris Lohmann, Direktor der Klinik und Poliklinik für Augenheilkunde der Technischen Universität München. „Man kann nie genau vorhersagen, wie sich die Linse im Auge verhält“, erläutert sein Bochumer Kollege Hengerer. „Wenn der Kapselsack, in den die Linse eingesetzt wird, schrumpft, kann das Implantat nach vorne rutschen oder sich seitlich verschieben. Und das wiederum kann sich auf die Brechkraft auswirken“, fügt er hinzu. Die Folge: Der Patient braucht nach der Operation trotzdem eine Brille.

Seit 2006 wird an der Universität Barcelona, Spanien, wissenschaftlich getestet, ob die LAL hält, was sie verspricht. „Insgesamt wurden 450 Patienten untersucht. Negative Ergebnisse gibt es keine“, sagt Lohmann. Da die Linse genauso implantiert werde wie eine Standardlinse, sei das Operationsrisiko gleich. Lohmann weist aber auf etwas Wichtiges hin: „Der Patient muss nach der Operation bis zum Abschluss der Wundheilung eine Sonnenbrille tragen, damit sich die Sehstärke nicht von selbst ändert.“

LAL nicht für jeden Patienten geeignet

Das neue Verfahren kommt allerdings nur für bestimmte Patienten in Frage. So muss sich die Pupille weiten können. „Nimmt ein Patient Medikamente, die die Pupillenweite beeinflussen, kann ihm die neue Linse nicht eingesetzt werden“, erklärt Hengerer. Gleiches gilt für Augenhintergrundveränderungen, wie es bei Makuladegeneration der Fall ist. „Hat ein Patient aufgrund einer Makuladegeneration nur noch eine Sehkraft von zehn Prozent, gleichzeitig aber auch Grauen Star, dann nützt die neue Linse nicht viel“, so der Augenheilkundler. In diesem Fall sei die Sehkraft von der Makuladegeneration abhängig und nicht vom Grauen Star.

Auch kann mit der LAL nur ein Brillenfehler ausgeglichen werden: entweder die Kurz- oder die Weitsichtigkeit. Wird das Auge also auf Kurzsichtigkeit korrigiert, braucht der Patient für die Ferne unter Umständen trotzdem eine Brille. Aber auch das könne sich laut den Experten bald ändern, denn das Potential der Linse wird weiter erforscht.

Die maßgeschneiderte Linse hat allerdings auch ihren Preis. Für die komplette Behandlung zahlt der Patient rund 3200 Euro pro Auge. Da es sich um eine individuelle Sehkorrektur handelt, zahlt die gesetzliche Krankenversicherung nicht. „Seit Dezember 2007 hat die Linse die CE-Kennung für den europäischen und die FDA-Zulassung für den amerikanischen Markt“, erklärt Hengerer. Obwohl die LAL in den USA entwickelt wurde, wird sie zurzeit nur in Europa eingesetzt. „Die USA werden aber in Kürze nachziehen“, so die Einschätzung Hengerers.

Simone Heimann
MEDICA.de