Ultraschall: "Kliniken sind leider nicht gezwungen, gut auszubilden"

Interview mit Prof. Christian Arning, Beauftragter für Weiterbildung, Deutsche Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM)

Pränatalmedizin, Krebsvorsorge, Gefäßuntersuchung – Ultraschall ist vielfältig, liefert Ärzten zuverlässige Bilder und belastet Patienten nicht durch Strahlung. Es ist flächendeckend von der Arztpraxis bis zum Universitätsklinikum verfügbar. Eine solide Weiterbildung der Anwender ist für eine gute Diagnostik notwendig, auch weil die unterschiedlichen Geräte unterschiedliche Stärken haben.

04/03/2014

Foto: Prof. Christian Arning

Prof. Christian Arning; ©Asklepios Kliniken Hamburg GmbH

Prof. Christian Arning ist Beauftragter für Weiterbildung bei der Deutschen Gesellschaft für Ultraschall in der Medizin (DEGUM). Auf MEDICA.de spricht er über die Qualität von Ultraschalluntersuchungen und die Möglichkeit für ausbildende Ärzte und Klinikabteilungen, sich von der DEGUM zertifizieren zu lassen.

Herr Prof. Arning, in der Vergangenheit beklagte die DEGUM die Qualität der Ultraschalldiagnostik in Kliniken. Wie äußern sich Qualitätsmängel hier?

Prof. Christian Arning: Die Ultraschalldiagnostik ist eine besonders schwierige Untersuchung. Ärzte brauchen dafür Erfahrung und eine gute Ausbildung. Ohne diese können leicht unsichere oder falsche Befunde erhoben werden. Wird ein Fehlbefund erhoben, kann eine falsche Operationsindikation entstehen. Der Patient könnte dann etwa völlig unnötig operiert werden.

Außerdem ist die Ultraschalldiagnostik die Methode, die den Patienten am wenigsten belastet. Neurologen untersuchen beispielsweise per Ultraschall die Halsarterien, um Schlaganfällen vorzubeugen. Verkalkungen der Arterien, die Schlaganfälle verursachen, lassen sich mit Ultraschall hervorragend sehen. Deshalb ist Ultraschall in einer interdisziplinären Leitlinie als diagnostische Methode der ersten Wahl vorgeschlagen, aber nur, wenn ein erfahrener Untersucher verfügbar ist. Wenn das nicht der Fall ist, muss man beispielsweise auf die Computertomographie zurückgreifen, die den Patienten aber durch Strahlung belastet, oder auf die Kernspintomografie, die einen längeren Aufenthalt in einer engen Röhre erfordert. Dies empfinden manche Patienten als sehr belastend.

Wie begegnet die DEGUM diesem Mangel?

Arning: Wir definieren Qualitätsstandards, führen Qualitätsprüfungen durch und erteilen Zertifikate, sowohl für Einzelpersonen als auch für ganze Abteilungen. Die DEGUM erteilt Ärzten Zertifikate in drei Stufen: Stufe I ist die Basisqualifikation für Untersucher, Stufe II ist die gehobene Qualifikation für Ausbilder und Stufe III ist die höchste Qualifikation für Kollegen, die auch wissenschaftlich zum Thema Ultraschall arbeiten.

Damit eine Klinikabteilung zertifiziert werden kann, müssen sowohl die Abteilungsleitung als auch der Assistentensprecher bestätigen, dass eine Ausbildung durch einen DEGUM-zertifizierten Ausbilder stattfindet. So können wir sicherstellen, dass in der Abteilung ein zertifizierter Experte für die Ausbildung verfügbar und zuständig ist.
Foto: Collage aus Ultraschallbildern; Copyright: panthermedia.net/koi88

Ultraschall liefert gut aufgelöste Bilder und belastet den Patienten nicht durch Strahlung. Aber nur eine gute Ausbildung und Erfahrung ermöglichen auch eine gute Diagnostik; ©panthermedia.net/ koi88

Wie kann man sich als Arzt konkret zertifizieren lassen?

Arning: Das Zertifikat der Stufe I kann jeder Arzt erhalten, der eine bestimmte Anzahl von Untersuchungen durchgeführt hat und sich einer Prüfung unterzieht. Die Stufe II setzt voraus, dass man in der Abteilung eines hochqualifizierten Ultraschallexperten gearbeitet oder hospitiert hat. Stufe III setzt außerdem eine wissenschaftliche Tätigkeit auf dem Gebiet Ultraschall voraus. Dazu gehört der Nachweis von wissenschaftlichen Untersuchungen und Vorträgen, die ein Gremium dann prüft. Zum Qualifikationsprozess gehört außerdem ein Probevortrag.

Hat eine zertifizierte Abteilung eine sichtbare Außenwirkung für eine Klinik?

Arning: Auf der Internetseite der DEGUM werden sowohl zertifizierte Ärzte als auch Abteilungen in einer Liste veröffentlicht. Außerdem gewinnen Abteilungen mit einer zertifizierten Ausbildung eher gute Mitarbeiter. Junge Ärzte wählen heutzutage Stellen auch danach aus, ob die Qualität der Ausbildung stimmt.

Die DEGUM und der Zentralverband der Elektrotechnik und Elektroindustrie e.V. (ZVEI) haben die "Qualitätsoffensive Ultraschall" ins Leben gerufen, in deren Rahmen Mitarbeiter von Geräteherstellern an DEGUM-Kursen teilnehmen. Warum?

Arning: Für eine qualifizierte Ultraschalluntersuchung sind auch gute Geräte notwendig. Es sind aber nicht alle Geräte für jede Untersuchung gleich gut geeignet. Die Industrie bekennt sich zur Qualität und hat von sich aus vorgeschlagen, dass ihre Anwendungsspezialisten, die die Geräte schließlich verkaufen, eine gute Ausbildung haben sollen. Sie nehmen an Kursen teil und hospitieren in Praxen oder Kliniken, damit sie sich mit den praktischen Anwendungen gut auskennen und Ärzten das richtige Gerät empfehlen können. Im Rahmen der Initiative lernen sie, welches Gerät für welchen Arzt und welche Anwendung am besten geeignet ist.

Wie kann in Ihren Augen die Ausbildung im Bereich Ultraschall weiterentwickelt werden?

Arning: Kliniken sind leider nicht gezwungen, gut auszubilden. Das ist aus meiner Sicht das Hauptproblem. Zwar müssen Ärzte in fast allen klinischen Fächern laut Weiterbildungsordnung im Ultraschall ausgebildet werden. Aber es gibt Abteilungen, in denen die Ausbildung schlecht oder gar nicht durchgeführt, dann aber trotzdem bescheinigt wird. Da gibt es ziemlich viel Etikettenschwindel. Es ist wünschenswert, dass die Ärztekammern auf dieses Problem achten und auch überprüfen, ob eine qualifizierte Ausbildung stattgefunden hat: Erstens müssten sie die Qualifikation des Ausbilders feststellen und zweitens, welche Qualifikation der Arzt am Ende der Weiterbildung erlangt hat. Ultraschall sollte deshalb potenziell auch Gegenstand der Facharztprüfung sein.
Foto: Timo Roth; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview wurde geführt von Timo Roth.
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