Bild: Ein Atomkraftwerk 
Im Moment scheint die Atomkraft
wieder strahlende Aussichten zu
haben; © PixelQuelle.de

Bei der Diskussion um den Klimawandel wird die Forderung wieder laut, Atomkraftwerke länger als 2021 am Netz zu lassen. Dadurch wird die Frage, ob Deutschland auf einen Super-GAU vom Ausmaß Tschernobyls tatsächlich vorbereitet wäre, wieder drängender. Als am 26. April 1986 der Kernreaktor im Block IV des Atomkraftwerkes von Tschernobyl außer Kontrolle geriet und explodierte, wurden große Mengen radioaktiver Materie in die Luft geschleudert. In der nur einige Kilometer entfernten Stadt Pripjat heulten keine Sirenen auf, die etwa 50.000 Einwohner wurden nicht gewarnt. Erst einen Tag später wurden sie evakuiert.

Ein solches Szenario ist laut Dr. Werner Kirchinger, dem Leiter der Arbeitsgruppe Fortbildung im GSF – Forschungszentrum für Umwelt und Gesundheit, Institut für Strahlenschutz in Deutschland nicht denkbar. „Ein Szenario bei dem die Kernkraftbetreiber von einer Kernschmelze völlig überrascht würden, kann ich mir hier nicht vorstellen. Bevor radioaktive Strahlung freigesetzt würde, bliebe sicher noch Zeit, um die Notfallpläne in die Gänge zu bringen“, sagt er. Diese reichen von einer Aufforderung der betroffenen Bevölkerung das Haus nicht zu verlassen, über die Ausgabe von Jodtabletten bis hin zur Evakuierung besonders gefährdeter Regionen.

Ob die Notfallpläne dann aber auch optimal greifen, ist fraglich. „Man hofft dann natürlich immer, dass die Notärzte, die bei einer großen Anzahl von Verletzten hinzugezogen würden, auch tatsächlich kommen und nicht die Koffer und Familie packen und in die andere Richtung fahren“, sagt Kirchinger der auch Leiter des regionalen Strahlenschutzzentrums ist. Denn für einen Strahlenunfall geschult, sind nur wenige Ärzte. Die Angst vor der unsichtbaren radioaktiven Strahlung ist dementsprechend groß. Ob und wie hoch ein Patient radioaktiv belastet ist, kann nur mit speziellen Messgeräten festgestellt werden.

Wenn bei einem Verletzten radioaktive Partikel nachgewiesen werden, sollte er zunächst einmal dekontaminiert werden, indem die Kleidung ausgezogen und radioaktiver Staub von der Haut gewaschen werden. Ansonsten könnte Radioaktivität in tiefere Hautschichten eindringen. Ein weiteres Problem: Die meisten Verletzen werden später in eine Klinik gebracht. Dort sollten sie nicht als eine permanente Strahlenquelle eintreffen „Eine direkte Gefährdung geht für den behandelnden Arzt von einer kontaminierten Person zwar nicht aus. Aber es besteht die Gefahr, dass er radioaktive Partikel einatmet und so sein potentielles Krebsrisiko steigert“, erklärt Kirchinger, der auch ermächtigter Arzt im Strahlenschutz ist.

Neben einem Defizit bei der Ausbildung der Notärzte beklagt der Mediziner auch einen Mangel bei der Ausrüstung. Spezielle Schutzanzüge und Masken sind für die Notärzte nicht vorgesehen. Im Gegensatz zur Feuerwehr, die für die Rettung aus der unmittelbaren Gefahrenzone zuständig ist. Sie besitzt Chemieschutzanzüge, die sie komplett von der Umwelt isolieren. „Das könnte dazu führen, dass neben dem Feuerwehrmann, der in seinem Vollschutzanzug aussieht wie ein Außerirdischer, der Mediziner in seiner kurzen Hose und Badeschlappen steht“, berichtet Dr. Kirchinger. „Wenn der Arzt den Patienten angstfrei behandeln soll, dann muss er sich aber auch geschützt fühlen.“

Passende Schutzanzüge und eine umfassende Aufklärung über die Gefahren radioaktiver Strahlung würden bei den Notärzten die Angst vor der unsichtbaren Gefahr wohl senken, sollten in Deutschland die Sirenen aufheulen.

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