Bild: Nervengewebe einer Maus 
Oben Nervengewebe einer Maus
mit Sortilin-Rezeptor, unten
ohne; © MDC/Aarhus University

Bei einer Rückenmarksverletzung oder bei einem Schlaganfall gehen massiv Nervenzellen im Gehirn zugrunde, auch gesunde. Schuld an dem Untergang ist ein Faktor, den die verletzten Zellen ausschütten, das proNGF. (pro-nerve growth factor.) ProNGF bindet an einen Oberflächenrezeptor, Sortilin, der auf allen Nervenzellen, auch den gesunden, sitzt. Bindet proNGF an Sortilin, löst es damit ein Signal aus, das die tödliche Kaskade ins Rollen bringt.

Für die Embryonalentwicklung ist proNGF unabdingbar, denn der dadurch ausgelöste Zelltod sorgt dafür, dass sich das Nervensystem im Embryo gezielt ausbildet und nicht ausufert. Im erwachsenen Organismus führt der Faktor allerdings dazu, dass bei Verletzungen im Gehirn immer auch massiv gesundes, und nicht nur geschädigtes Nervengewebe abstirbt. "Das heißt, die Nervenzellen gehen nicht etwa nur durch den ursprünglichen Schaden, wie zum Beispiel den Mangel an Sauerstoff beim Schlaganfall zu Grunde, sondern ganz wesentlich durch die Bindung von proNGF an Sortilin", erläutert Prof. Thomas E. Willnow vom Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin.

Die Forscher hatten knock-out Mäuse gezüchtet, denen der Rezeptor Sortilin fehlt. Es zeigte sich, dass bei den Mäusen, die kein Sortilin auf ihren Nervenzellen tragen, wesentlich mehr Nervenzellen bei einer Rückenmarksverletzung überleben, als bei Mäusen, die noch über die Sortilin-Bindungsstelle verfügen. Letztere verlieren bis zu 40 Prozent der betroffenen Nervenzellen.

"ProNGF und Sortilin sind eine ideale Zielscheibe für die Entwicklung von Medikamenten", ist Prof. Willnow überzeugt. "Gelänge es, den Rezeptor Sortilin mit einem Medikament zu blockieren und damit zu verhindern, dass proNGF daran binden kann, wäre es möglich, zum Beispiel Patienten mit Rückenmarksverletzungen zu behandeln und die Schädigung des Nervengewebes zu begrenzen", sagt er.

MEDICA.de; Quelle: Max-Delbrück-Centrum für Molekulare Medizin