Ursache einer gefährlichen Schwellungserkrankung aufgeklärt

22.07.2015
Foto: Kind mit Kopfverletzung liegt am Boden

Lebensbedrohliche Schwellungen des Gehirns können zum Beispiel durch Schädel-Hirn-Traumen verursacht werden; ©panthermedia.net/ diktattoor

Ein zur Behandlung von Blutgerinnseln (Thrombosen) entwickelter Antikörper hilft möglicherweise auch gegen lebensbedrohliche Schwellungen.

"Wahrscheinlich haben wir sogar ein generelles Prinzip entdeckt, mit dem man Ödeme behandeln kann; auch solche, die als Folge von Allergien oder unfallbedingten Verletzungen wie einem Schädel-Hirn-Trauma entstehen", sagt Prof. Thomas Renné, Leiter des Instituts für Klinische Chemie und Laboratoriumsmedizin des Universitätsklinikums Hamburg-Eppendorf (UKE). Das von Renné geleitete internationale Forscherteam gewann seine Erkenntnisse an einer seltenen Form einer erblichen Schwellungserkrankung, dem Hereditären Angioödem Typ 3.

Wie die Wissenschaftler jetzt in der August-Ausgabe des Journal of Clinical Investigation berichten, konnten sie in Modellen den molekularen Mechanismus der Krankheit aufklären. "Wir haben herausgefunden, dass die Krankheit die Folge einer Punktmutation in einem Gen für ein Eiweiß der Blutgerinnung, den Faktor XII, ist", sagt Renné. Dadurch fehle diesem Protein an einer einzigen Stelle ein wichtiger Baustein: die Aminosäure Threonin. Diese ist jedoch der Anheftungspunkt für eine Zuckerstruktur (Glykan), welche normalerweise die Oberfläche des Blutgerinnungsfaktors bedeckt. Weil sich das Glykan nicht mit dem Protein verbinden kann, ändere sich die gesamte Molekülstruktur des Faktors. "Dadurch ist der mutierte Faktor hundert- bis tausendfach leichter aktivierbar als normalerweise." Die Folge: Bradykinin, das Hormon, das die zur Entstehung einer Schwellung notwendigen Abläufe einleitet, wird im Übermaß gebildet.

Die Entdeckung, dass Hereditäre Angioödeme vom Typ 3 Folge des fehlerhaften Gerinnungsfaktors XII sind, öffnet nach Ansicht von Prof. Renné die Tür für eine mögliche neue Therapie: Bereits im vergangenen Jahr hatte eine von ihm geleitete Arbeitsgruppe zeigen können, dass der Faktor XII entscheidend an der Bildung von Blutgerinnseln (Thrombosen) beteiligt ist. Die Wissenschaftler konnten mit dem "3F7" bezeichneten Antikörper auch erstmals einen Wirkstoff herstellen, der den Gerinnungsfaktor XII blockiert und so Blutgerinnsel verhindert, ohne dabei die Blutungsneigung zu erhöhen. "Und nun zeigte sich: Mit derselben Therapie kann man zukünftig auch Hereditäre Angioödeme und möglicherweise andere Schwellungserkrankungen behandeln", so der UKE-Forscher. Eine erste klinische Prüfung dieses neuen Therapieprinzips ist innerhalb der nächsten zwei Jahre geplant.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf

Mehr über das UKE unter: www.uke.de