Vernetzte Biobanken – Traum vieler Forscher

Interview mit Prof. Roland Jahns Internist/Kardiologe, Direktor Interdisziplinäre Biomaterial- und Datenbank Würzburg (ibdw), Universitätsklinikum Würzburg

16.11.2016

Man hat ein Forschungsvorhaben geplant, doch es fehlen noch die passenden Gewebeproben. Wie nützlich wäre es jetzt, einfach in den Computer zu schauen und zu sehen, dass das gewünschte Material noch in einer Biobank in Berlin oder Wien zu erhalten ist. Schnell einen Antrag gestellt und schon erhält man die ersehnte Probe. Dass es so einfach leider noch nicht ist, wird Prof. Roland Jahns in der MEDICA EDUCATION CONFERENCE am Donnerstag (17.11.) erläutern. Wir haben ihn bereits jetzt zum Thema Biobanken gefragt.

Bild: Prof. Jahns vor Programm-Aufsteller; Copyright: beta-web/Roth

Das Thema des Vortrags von Prof. Jahns während der MEDICA EDUCATION CONFERENCE lautet "Clinical biobanking as a step towards European and global networking"; © Brade

Herr Prof. Jahns, was für Biobanken gibt es derzeit?

Roland Jahns: Es gibt viele unterschiedliche Biobanken. Das beginnt bei der technischen Ausstattung und endet bei der Struktur der Biobanken. Auch die Qualität spielt eine Rolle. Es gibt afrikanische Biobanken, die Mammutknochen sammeln oder rein biologische Biobanken mit Mikroorganismen. Und es gibt akademisch aufgestellte Biobanken, sogenannte „Krankheitsbezogene Biobanken“ – um die wird es im Wesentlichen bei der MEDICA EDUCATION CONFERENCE gehen.

Wer greift auf die krankheitsbezogenen Biobanken zu?

Jahns: Das hängt davon ab, wie die Biobank aufgestellt ist. Viele Forscher möchten auf Proben zugreifen, die unter einer sogenannten breiten Einwilligungserklärung gesammelt wurden. Hierbei werden Spender um Blut oder Gewebeproben gebeten, aber man kann ihnen zum Zeitpunkt der Spende noch nicht sagen, was später damit gemacht werden wird. Der Forschungszweck bleibt offen – die Lagerdauer ist unbefristet. Das sind Materialien, auf die Forscher weltweit, wenn ein regulärer Antrag vorliegt, zugreifen können. Alle modernen breit aufgestellten Biobanken haben Zugangsregeln. Diese werden von Gremien definiert, die auch über einen Antrag auf Biomaterialien entscheiden. Meist ist auch ein Votum der Ethikkommission erforderlich, dass gegen das beantragte Forschungsvorhaben keine Einwände bestehen. Erst dann wird geprüft, ob die Materialien in der erforderlichen Qualität und Menge vorhanden sind.

Bild: Gefrorenes Mini-Röhrchen wird aus Kryolager genommen; Copyright: panthermedia.net / helenap2014

Proben zu sammeln erscheint einfach. Doch was geschieht, wenn es um die letzte Probe eines besonders seltenen Lungenkarzinoms geht? Hierauf müssen Antworten gefunden werden; © panthermedia.net/helenap2014

Früher oder später braucht sich das Probenmaterial auf. Werden die Biobanken stetig neu aufgefüllt?

Jahns: Es ist natürlich eine kritische Frage, was die Nachhaltigkeit und Langfristigkeit von Biobanken angeht. Flüssigproben sind weniger problematisch. In der Regel nimmt man zwei normale Blutröhrchen ab und aliquotiert sie in zwölf bis 20 kleine Teilproben, die in Mini-Röhrchen gefüllt werden. Mit der Menge eines Mini-Röhrchens können bereits vielfältige Untersuchungen durchgeführt werden. Aber wenn 19 Teilproben ausgeteilt wurden, muss man sich irgendwann entscheiden, wie wertvoll die letzte Probe ist. Diese Frage stellt sich besonders bei bestimmten Gewebearten. Wenn es zum Beispiel nur einen Würfel von 9x9 Millimetern von einem seltenen Lungenkrebs gibt – wer entscheidet, wer die letzte Gewebescheibe davon erhält? Natürlich gibt es heute Satzungen, es gibt Regelwerke und Qualitätsgrundsätze, die eingehalten werden müssen. Und innerhalb dieser Zugangsregeln muss es Komitees geben, die über solche Fragen entscheiden – geben wir zum Beispiel eine letzte Probe raus oder nicht? Wir in Würzburg sind zum Beispiel von der Fakultät finanziert. Käme ein Forscher aus London, der für eine Probe anfragt, die es nur noch einmal gibt, dann hätten die Forscher aus Würzburg bei Eigenbedarf ein Vetorecht. Das Schlagwort lautet: Priorisierung. Bisher haben wir diesen Mechanismus noch nicht gebraucht, aber theoretisch ist er angedacht.

Sind Sie so gut vernetzt, dass Sie zum Beispiel wissen, welche Biobank welche Proben besitzt – und das über Ländergrenzen hinweg? 

Jahns: Das ist das Ziel, das wir erreichen wollen. Wir vernetzen uns derzeit auf nationaler Ebene. Wir wollen circa zehn Biobanken, die Fördermittel vom Forschungsministerium erhalten, so verbinden, dass jeder in jede Biobank Einblick erhält. Man erhält zum Beispiel eine Tabelle und kann sehen, wo welcher Krebs liegt und wie viele Proben es von dieser Art gibt. Allerdings sieht man hier nicht, ob zum Beispiel ein ganz seltener molekularer Phänotyp vorhanden ist. Hierfür müssen Forscher direkt die gewünschten Spezial-Marker anfragen, wenn sie zum Beispiel aus einer Biobank Lungenkarzinomproben erhalten möchten. Dann liegt es an der Biobank, diese Anfrage zu beantworten. Diese gewisse Autonomie soll europaweit gewahrt bleiben. Viele Forscher möchten darüber hinaus wissen, welche Therapie bei dem Krebs durchgeführt wurde oder ob die Therapie angeschlagen hat oder nicht. Das sind in der Regel Daten, die nach heutigem Verständnis eher in einem Clinical Data Warehouse hinterlegt werden. Da gibt es dann eine Verbindung zu dem Biomaterial, aber die Biobanken selbst sind angehalten, Daten sparsam zu sammeln. Das heißt, alle klinischen Daten, die in einem Klinikinformationssystem gespeichert sind, soll man nicht duplizieren.

Wie weit möchten Sie mit Ihrem Vorhaben in fünf Jahren zu sein?

Jahns: Wir wollen Verbindungen zu klinischen Verlaufsdaten herstellen. Als Wissenschaftler hat man meist eine Forschungsidee, zum Beispiel für einen neuen Therapieansatz. Den möchte man verfolgen und deshalb sucht man ein Patientenkollektiv. Natürlich möchte man wissen, ob es zum Thema Biomaterial in Biobanken gibt – dies zu erfahren ist heute leider erst eingeschränkt möglich. Es fehlt häufig der "Broad Consent"-Ansatz, bei dem Patienten ihr Material auf unbestimmte Zeit und für unbestimmte Verwendungszwecke freigeben. Dieser Ansatz wird erst seit circa drei Jahren akzeptiert. Hierauf aufbauend könnte man in den nächsten fünf Jahren mit einer noch engeren Vernetzung und dann auch leichterem nationalen und europaweiten Probenaustausch rechnen.

Was erhoffen Sie sich von der MEDICA 2016?

Jahns: Wir hoffen auf neue Kontakte zum Beispiel mit Herstellern von Maschinen, etwa automatischen Kryolagern oder Pipettierrobotorn. Hier gibt es meiner Meinung nach noch enormes Verbesserungspotenzial. Natürlich bieten wir Wissenschaftlern oder Instituten oder Kliniken auch gerne Hilfe bei der Frage an, was beim Aufbau einer Biobank zu beachten ist. In der Regel kommen nach den Vorträgen sehr interessante Gespräche zustande. Das war im letzten Jahr so und das wünsche ich mir auch für dieses Jahr. 


MEDICA EDUCATION CONFERENCE:

Clinical biobanking as a step towards European and global networking

Donnerstag 17 November 2016, 9.00-10.30 Uhr, CCD Süd, Raum 17

 

Foto: Simone Ernst; Copyright: B. Frommann

© B. Frommann

Das Interview führte Simone Ernst.
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