Vernetzte Gesundheit – Apps und Co.

04.10.2016

Die Digitalisierung ist im Vormarsch und macht auch vor der Medizin nicht halt. Eine Sprechstunde über Video, eine Fitness-App oder die Sammlung von Daten für eine bessere Krebstherapie: E-Health verknüpft die Möglichkeiten des Internets mit den Anforderungen der Medizin und eröffnet der Medizinbranche völlig neue Möglichkeiten.

Die WHO definiert E-Health als den Einsatz von Informations- und Kommunikationstechnologien (ICT) im Gesundheitswesen, beispielsweise in der Forschung, Ausbildung, medizinischen Diagnostik oder auch in der Behandlung. Die Möglichkeiten zum Einsatz von ICT sind vielfältig.

Bild: Verschiedene Symbole in Waben erscheinen wie auf einem Bildschirm. Eine weiß behandschuhte Hand tippt mit dem Zeigefinger auf eine Wabe; Copyright: panthermedia.net/everythingposs

Auch die Medizin wird von einer digitalen Revolution erfasst; ©panthermedia.net/everythingposs

Insbesondere aufgrund des demographischen Wandels – die Zahl an älteren, multimorbiden und pflegebedürftigen Patienten nimmt zu – ist die Digitalisierung im Gesundheitswesen von Bedeutung. Prof. Axel Ekkernkamp, Ärztlicher Direktor und Geschäftsführer der BG-Klinik Unfallkrankenhaus Berlin, sieht die Zukunft der Medizin in einer 'Digitalen Revolution' und prognostiziert: "Nichts wird so bleiben, wie es ist. Die medizinischen Abläufe werden sich ändern. Datenströme werden deutlich zunehmen. Man wird das Wissen anders erlangen. Man wird andere Arten von Kongressen und Messen haben. Da wird sich sehr viel verändern."

Bereits heute informieren sich viele Patienten im Vorfeld eines Arztbesuches, Trend zunehmend. Damit wird deutlich, dass sich immer mehr Patienten eine aktive Selbstbefähigung (Empowerment) wünschen. Das wird ihnen durch Telemedizin sowie durch medizinische Apps ermöglicht.

Über Grenzen hinweg: Diagnose, Therapie, Rehabilitation, Fortbildung

Telemedizin bildet einen großen Bereich im E-Health-Sektor. Teleradiologie, Telechirurgie, Telerehabilitation, Telecoaching – gemeinsam ist den Begriffen, dass sie Diagnose, Therapie, Rehabilitation oder Fortbildung mithilfe von modernen Kommunikationsmitteln über eine räumliche Distanz hinweg ermöglichen. "Es ist eine Form der ärztlichen Tätigkeit, bei der alle Grundbeziehungen zwischen Arzt und Patient, wie zum Beispiel Vertraulichkeit oder Aufklärungspflicht, gelten", erklärt Prof. Friedrich Köhler, Leiter des Zentrums für kardiovaskuläre Telemedizin an der Charité, Universitätsmedizin Berlin. Dabei ist zu unterscheiden zwischen einer Kommunikation 'Doc2Doc', also zwischen Ärzten untereinander, sowie 'Doc2Patient', also zwischen Arzt und Patient. Im Fokus stehen dabei vor allem Informationsaustausch, Datenübertragung und -dokumentation sowie Empowerment.

Die Telemedizin bietet zwei Hauptvorteile: "Zum einen sind es die Informationen, die transportiert werden, und nicht die Patienten. Wenn zum Beispiel ein kleines Krankenhaus eine CT-Anlage besitzt, jedoch keinen Radiologen hat, der rund um die Uhr da ist, dann ist das nicht mehr problematisch. Denn die Bilder aus der Anlage können direkt an die Radiologieabteilung einer großen Klinik geschickt werden, ohne dass der Patient weit fahren muss", erklärt Köhler.

Bild: Patient sitzt mit einem Blutdruckmessgerät vor dem PC. Auf der anderen Seite des Bildschirms ist eine Ärztin, die Röntgenaufnahmen betrachtet; Copyright: panthermedia.net/verbaska

Trotz räumlicher Distanz haben Patienten die Möglichkeit über Telemedizin eine Diagnose und Therapie zu erhalten; © panthermedia.net/verbaska

Mit Telemedizin gegen Herzinsuffizienz

Ein zweiter vorteilhafter Aspekt ist das Remote Patient Monitoring (RPM), das insbesondere bei chronischen Erkrankungen viele Vorteile bietet. "Es kann möglich sein, dass sich gerade bei einer chronischen Erkrankung der Zustand des Patienten verschlechtert, ohne dass dieser das mitbekommt – bis es zum Notfall kommt", sagt Köhler. Beim RPM besteht die Möglichkeit, dass die Vitalparameter eines Patienten entweder invasiv über ein Implantat ausgelesen werden. Eine andere Option ist, dass der Patient mit einem nicht-invasiven Monitorgerät, wie zum Beispiel einer Telewaage, aktiv seine Werte misst und an den Arzt übermittelt. Kommt es zu einer Verschlechterung der Werte, so wird das dem behandelnden Arzt rechtzeitig mitgeteilt, sodass er sofort darauf reagieren kann. Auf diese Weise können Notfallsituationen in vielen Fällen vermieden werden.

So zum Beispiel bei einer Herzinsuffizienz, wo die Telekardiologie hilft. Dabei werden die Vitaldaten des betroffenen Patienten täglich gemessen und kontrolliert. "Das hat zum einen den Vorteil, dass die Patienten rund um die Uhr betreut werden. Zum anderen wird damit vermieden, dass der Patient unnötig ins Krankenhaus kommt." Der Patient erhält damit nicht nur das beruhigende Gefühl, jederzeit betreut zu werden, sondern ihm werden auch Arztbesuche und Krankenhausaufenthalte erspart. Das ist insbesondere für Patienten aus ländlichen Regionen ein Gewinn, wo der Weg zum Kardiologen weit ist. Aber auch aus ökonomischer Sicht ergeben sich durch die Telekardiologie große Einsparpotenziale. Denn die meisten Kosten bei einer Herzinsuffizienz entfallen auf stationäre Aufenthalte.

In Zukunft wird die Telemedizin jedoch kein eigenes Fachgebiet werden. "Stattdessen wird die Telemedizin innerhalb der bestehenden Fachgebiete eine Arbeitsweise werden. Neben der ambulanten und stationären Arbeitsweise gibt es dann die Remote Arbeitsweise. Damit wird Telemedizin zu einer dritten Säule der ärztlichen Tätigkeit", erklärt Köhler.

Bild: Im Hintergrund läuft eine Frau. Im Vordergund hält eine Hand ein Handy, auf dessen Bildschirm der Puls zu sehen ist; Copyright: panthermedia.net/nanaplus

Medizinische Apps erlauben es unter anderem aktiv die eigenen Gesundheitsdaten zu überprüfen und eine Therapie danach auszurichten. Wichtig ist jedoch, dass die App auch qualitativ hochwertig ist; © panthermedia.net/nanaplus

Medizinische Apps – Der unaufhaltbare Trend

Ein persönliches Gesundheitstagebuch, eine Fitness-App oder eine Dermatologie-App: Der Einsatz von Apps in der Medizinbranche ist vielfältig und in rasantem Tempo kommen neue Entwicklungen hinzu. Immer mehr medizinische Apps werden entwickelt und Start-Up Unternehmen gegründet, sodass mittlerweile weit über 100.000 Gesundheits-Apps in den App-Stores angeboten werden.

Viele Apps streben das Verhalten der Anwender ändern, wie etwa die Essgewohnheit. Andere wirken eher unterstützend. So gibt es beispielsweise Apps für Diabetiker, die bei der Dokumentation der Blutzuckerwerter und der Ernährung behilflich ist, was für den nächsten Arztbesuch hilfreich sein kann. Es finden sich aber auch Apps, die vor allem als Informations- und Austauschplattform gedacht sind – mit anderen Betroffenen oder mit ärztlichem Personal.

Auch in der Telemedizin können Apps eine wichtige Rolle spielen, wie zum Beispiel bei einer App zur Kontrolle von Darmerkrankungen. Hierbei werden Biomarker aus einer Stuhlprobe ausgewertet, die Ergebnisse auf dem Smartphone des Patienten angezeigt und automatisch an den betreuenden Arzt gesandt. Damit ist neben dem Komfort, nicht für jede Kontrolluntersuchung zum Arzt fahren zu müssen, zusätzlich auch Empowerment gewährleistet. Im Interview mit MEDICA.de beschreibt Prof. Martina Müller-Schilling, die bei der Entwicklung der App maßgeblich beteiligt war, die weiteren potenziellen Nutzungsmöglichkeiten einer solchen App: "Ich kann mir eine Ausdehnung dieser Technik auf alle Bereiche, Funktionen und Krankheiten vorstellen. Möglich wären zum Beispiel Vermittlung des allgemeinen Gesundheitszustandes, von Krankheitsdispositionen, Informationen über Vorsorge oder die nächsten Schritte, die getan werden müssen."

Qualitätssicherung ist gerade im sensiblen Bereich der Gesundheit überaus wichtig, da mögliche Gefahren, wenn Apps ohne ärztliche Fachkenntnis entwickelt werden und nicht richtig funktionieren oder von den Anwendern unreflektiert eingesetzt werden, groß sind. Im Bereich der medizinischen Apps gibt es bereits eine Reihe qualitativ hochwertiger Apps, die im Vorfeld eingehend geprüft wurden. Allerdings trifft dies auf den Großteil der über 100.000 Apps, die im Bereich der Medizin angeboten werden, bisher nicht zu.

Bild: Eine Ärztin blickt auf ein Tablet, im Hintergrund sind verschiedene medizinische Symbole zu sehen; Copyright: panthermedia.net/realinemedia

In Zukunft werden Patienten ihre Daten vermutlich selbst verwalten. Dann sind diese über eine App auf dem Smartphone zu jeder Zeit an jedem Ort immer verfügbar; © panthermedia.net/realinemedia

Zu jeder Zeit an jedem Ort – die Patientendaten sind immer dabei

Die Zukunft der Patientendaten gehört ebenfalls der Digitalisierung. Digitale Patientenbiografien sollen es möglich machen, jederzeit an jedem Ort der Welt auf relevante medizinische Informationen zugreifen zu können. Eine Idee zur Umsetzung liefert das EU-Projekt 'MyHealthAvatar'. Es will mit der Digitalisierung der Gesundheitsdaten zum einen nationale Grenzen überwinden und zum anderen den Patienten die Möglichkeit geben, ihre Krankheitsbiografien jederzeit zur Hand zu haben. Bei diesem Projekt sollen die Nutzer einen Avatar mit ihren gesundheitsrelevanten Daten speisen, sodass der Avatar zum digitalen Repräsentanten des Nutzers wird. Im Interview mit MEDICA.de erklärt Prof. Nikolaus Forgó, Projektleiter in der Leibniz Universität Hannover, die Vorteile solch eines länderübergreifenden Avatars: "Für die Patienten ist es vorteilhaft, weil sie besser als bisher ihre Daten kontrollieren können und immer Zugriff darauf haben. Für das Gesundheitssystem ist von Vorteil, dass man besser informierten und informierenden Patienten passendere Therapien verschreiben kann. Und für die Wissenschaft ist Erkenntnisgewinn ein Vorteil."      

Möglich wäre auch, dass Firmen wie Google oder Apple diese Aufgabe – Digitalisierung der Patientenbiografien – übernehmen. "Dann wird man am Ende eine nationale, elektronische Gesundheitskarte vielleicht gar nicht mehr benötigen, da Firmen wie Apple und Co. diese Aufgabe übernehmen – das Sammeln und das Hinterlegen von bestimmten Daten, sodass man jederzeit an jedem Ort darauf Zugriff hat", meint Ekkernkamp. So hat vor Kurzem Apple den Medizin-Cloudanbieter Gliimpse gekauft, ein Unternehmen, das es seinen Nutzern ermöglicht, ihre medizinischen Daten zu sammeln, zu verwalten und Ärzten zur Verfügung zu stellen.

Die bisherigen Entwicklungen im Bereich der Telemedizin oder der Apps zeigt, dass die Digitalisierung im Medizinsektor in rasanten Schritten vorangeht. Damit stellt die digitale Revolution alle Beteiligten, sei es Ärzte, Patienten oder Entwickler – vor große Herausforderungen. Aber sie bietet auch viele Chancen – sie müssen nur genutzt werden.

Der Artikel wurde geschrieben von Olga Wart.
MEDICA.de