Viele Schlaganfall-Patienten kommen zu spät für eine Lysetherapie in die Klinik

11.07.2016

Bei Verdacht auf Schlaganfall müssen Betroffene schnellstmöglich in ein Krankenhaus mit spezieller Schlaganfallstation, einer Stroke Unit, gebracht werden. Diesen Aufruf kann man nicht oft genug wiederholen, wie eine Studie unter Federführung der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg nun gezeigt hat.
Bild: Das Universitätsklinikum Heidelberg aus der Vogelperspektive; Copyright: Universitätsklinikum Heidelberg

Die Stroke Unit der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg ist mit 20 Betten und rund 900 Patienten pro Jahr eine der größten spezialisierten Schlaganfall-Stationen Europas; © Universitätsklinikum Heidelberg

Die Studie zeigt, dass 60 Prozent aller Schlaganfall-Patienten in Baden-Württemberg die Klinik erst dann erreichen, wenn das Zeitfenster für die Thrombolyse, bei der mit Medikamenten die Durchblutung im Gehirn wieder hergestellt werden kann, bereits geschlossen ist. 17 Prozent der Patienten, die rechtzeitig zur Thrombolyse in der Klinik eintreffen, werden in Krankenhäusern ohne Stroke Unit behandelt. Dort wird die Lysetherapie deutlich seltener eingesetzt als in spezialisierten Kliniken. Das mindert die Chancen, den Schlaganfall lebend und ohne schwere Behinderungen zu überstehen. „Es wäre daher wünschenswert, dass Rettungsdienste im Verdachtsfall noch konsequenter als bisher schon Krankenhäuser mit Stroke Unit ansteuern“, sagt Studienleiter Professor Dr. Peter Ringleb, Leiter der Heidelberger Stroke Unit.

Die Studie der baden-württembergischen AG Schlaganfall der Geschäftsstelle Qualitätssicherung im Krankenhaus (GeQiK) ist ein Kooperationsprojekt der Universitätskliniken Heidelberg, Mannheim und Freiburg. Die Ergebnisse sind in der Fachzeitschrift Neurology erschienen. Das Fazit der Autoren: Würden alle Schlaganfall-Patienten auf Stroke Units behandelt und hätten damit auch Zugang zu fachgerechter Lysetherapie, blieben deutschlandweit mehreren hundert Patienten pro Jahr Folgeschäden wie bleibende Behinderungen oder Pflegebedürftigkeit erspart.

Die Arbeitsgruppe unter Leitung von Prof. Dr. Peter Ringleb und Dr. Christoph Gumbinger, Neurologische Universitätsklinik Heidelberg, wertete Daten der GeQiK zur stationären Behandlung von Schlaganfallpatienten aller Krankenhäuser in Baden-Württemberg der Jahre 2008 bis 2012 aus. 40 Prozent der Patienten kamen innerhalb von 4,5 Stunden nach Beginn der Symptome und damit rechtzeitig für eine Lysetherapie in die Klinik. In Schlaganfallzentren wurde bei 44 Prozent dieser Patienten umgehend die Thrombolyse eingeleitet. „Das klinische Ergebnis dieser Patienten deckt sich ungefähr mit den Ergebnissen der Patienten die in klinischen Studien zur Thrombolyse behandelt wurden, so dass die Thrombolyse nicht in einem zu hohen Maß eingesetzt wurde“, sagt Erstautor Dr. Gumbinger, Koordinator der AG Versorgungsforschung. „In Krankenhäusern ohne Stroke Unit erhielten nur 13 Prozent der rechtzeitig ankommenden Patienten eine Thrombolyse. Besonders ältere Patienten mit bereits vorbestehenden körperlichen Beeinträchtigungen blieben häufig unterversorgt. „Gerade bei diesen Patienten benötigt es viel Erfahrung und Kompetenz, um beurteilen zu können, ob die Lysetherapie durchgeführt werden kann“, betont Prof. Ringleb.

In Baden-Württemberg gibt es mittlerweile ein flächendeckendes Netz aus Stroke Units. Speziell im Rhein-Neckar-Kreis besteht seit 2006 eine erfolgreiche teleneurologische Kooperation des Universitätsklinikums Heidelberg mit Krankenhäusern in Sinsheim und Heppenheim (tagsüber mit von Ärzten des Universitätsklinikums Heidelberg besetzter Stroke Unit) sowie Mosbach und Erbach. Die Experten der Heidelberger Stroke Unit unterstützen die Ärzte vor Ort mittels Video-Live-Schaltung in den Behandlungsraum insbesondere bei der Indikationsstellung zur Thrombolysetherapie. Außerdem können so schnell Patienten identifiziert werden, die zur weiteren Behandlung an das Universitätsklinikum übernommen werden müssen – dies sind insbesondere Patienten, bei denen ein großes Hirngefäß verschlossen ist und die zusätzlich zur Thrombolyse einen komplexen Gefäßeingriff unter Röntgenkontrolle benötigen. Ist ein solcher Eingriff angezeigt, kann der Patient kurzfristig nach Heidelberg verlegt werden.

„Es ist nachgewiesen, dass die Behandlung auf einer Stroke Unit insgesamt und über die Lysetherapie hinaus dazu beiträgt, Todesfälle und schwere Behinderungen nach Schlaganfall zu verhindern, dank speziell geschultem Behandlungsteam und umfassender Diagnostik und Therapie rund um die Uhr“, sagt Ringleb.

Die Stroke Unit der Neurologischen Universitätsklinik Heidelberg ist mit 20 Betten und rund 900 Patienten pro Jahr eine der größten spezialisierten Schlaganfall-Stationen Europas. Das Universitätsklinikum Heidelberg war seit 1995 maßgeblich an der Entwicklung und Einführung der Thrombolyse, der bisher einzigen zugelassen medikamentösen Akut-Therapie des Schlaganfalls, beteiligt. Aktuell prüfen die Heidelberger Schlaganfall-Experten im Rahmen von Studien unter anderem, ob Patienten auch jenseits des empfohlenen Zeitfensters von 4,5 Stunden noch von einer Thrombolyse profitieren.

Jedes Jahr erleiden rund 270.000 Menschen in Deutschland einen Schlaganfall. Ursache ist meist ein akuter Durchblutungsstopp im Gehirn, weil ein Blutgerinnsel eine Hirnarterie verstopft. Je nach Hirnregion kann es zu sehr unterschiedlichen, teils vorübergehenden Symptomen kommen. Ganz typisch ist die Kombination einer schmerzlosen Schwäche eines Arms oder einer Körperhälfte mit Schwierigkeiten beim Sprechen oder Sehstörungen.

MEDICA.de; Quelle: Universitätsklinikum Heidelberg

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