Virologen wollen von Pferden lernen

28/10/2014
Foto: Pferd mit Jungtier

Pferde wehren erfolgreich das Hepatitis-C sehr ähnliche Non-primate hepacivirus ab; © panthermedia.net/Stelian Porojnicu

Mit dem Hepatitis-C-Virus (HCV) sind weltweit etwa 160 Millionen Menschen infiziert und die Virusinfektion ist eine der häufigsten Ursachen für Lebertransplantationen. Zwar stehen seit kurzem neue Therapeutika gegen die Infektionskrankheit zur Verfügung, sie sind jedoch sehr teuer und damit ist fraglich, ob sie flächendeckend in ärmeren Regionen der Welt eingesetzt werden können. Also sind nach wie vor neue Präventions- und Therapiestrategien gegen das Virus nötig.

Eines der größten Probleme bei der Erforschung von HCV ist die große Spezialisierung des Virus: Es infiziert ausschließlich Menschen und Schimpansen. Wissenschaftler des TWINCORE haben nun einen sehr engen Verwandten des Hepatitis-C-Virus in Pferden in den Fokus ihrer Forschung gerückt - damit eröffnen sich ganz neue Perspektiven für die HCV-Forschung und die Entwicklung von Abwehrstrategien gegen das Virus.

Die genetische Analyse von Krankheitserregern ist dank moderner Gensequenzierungstechniken inzwischen relativ einfach und von vielen Viren liegen vollständige Gensequenzen in Datenbanken vor. In den letzten drei Jahren wurden mithilfe dieser Technik nun viele "Verwandte" von HCV in verschiedenen Spezies identifiziert. Der Vergleich der Gensequenzen verschiedener Hepatitis-C-ähnlicher Viren aus Affen, Hunden, Pferden, Mäusen und Fledermäusen zeigt, "dass das Hepatitis-Virus, das Pferde infiziert, sehr eng mit der humanen Variante verwandt ist", sagt Stephanie Pfänder, Wissenschaftlerin am Institut für Experimentelle Virologie. "Es ist deutlich enger mit HCV verwandt, als Hepatitis-C-Viren, die man beispielsweise in Fledermäusen findet."

Dieses Pferde-Hepatitis-Virus trägt den Namen "Non-primate hepacivirus", kurz NPHV, und die Ähnlichkeit zu HCV war ein guter Grund für die Wissenschaftler, sich auf Spurensuche zu begeben. Daraus entstanden ist eine enge Zusammenarbeit des TWINCORE mit der Pferdeklinik, dem Institut für Pathologie und dem Institut für Virologie der Stiftung der Tierärztliche Hochschule Hannover. Stephanie Pfänder und ihre Kollegen haben Blutserum von über 600 Pferden aus Deutschland analysiert, denen ohnehin Blut aus unterschiedlichsten Gründen in der Pferdeklinik abgenommen wurde. Dabei haben die Wissenschaftler festgestellt, dass jedes dritte der untersuchten Pferde schon Kontakt mit dem Virus hatte - im klinischen Alltag scheint die Infektion mit NPHV im Pferd allerdings keinen großen Einfluss zu haben.

„Besonders spannend an den Ergebnissen der Blutanalyse ist, dass es dem Virus anscheinend nur in wenigen Fällen gelingt, sich im Wirt dauerhaft einzurichten", sagt Pfänder. „Bei Menschen können dagegen zwischen 50 und 80 Prozent der infizierten das Virus nicht abwehren, was dann zu den Leberschäden führt." Die Wissenschaftler haben nachgewiesen, dass sich das Virus in den Pferden, genauso wie HCV im Menschen, in der Leber vermehrt. Diese vielen Gemeinsamkeiten zwischen beiden Viren veranlassen die Wissenschaftler nun zu der Frage: Weshalb gelingt es dem Immunsystem der Pferde besser, das Virus abzuwehren, als dem menschlichen Immunsystem? Da die Reaktionen des menschlichen Immunsystems auf HCV sehr gut untersucht sind, werden die Wissenschaftler nun die Reaktion des Pferdeimmunsystems direkt mit dem menschlichen vergleichen. „Das ist das erste Mal, dass wir ein natürliches Virus untersuchen können, das HCV so ähnlich ist", sagt Eike Steinmann, Leiter der Arbeitsgruppe Virustransmission am Institut für Experimentelle Virologie. "Über den Vergleich der effektiven Abwehr von NPHV im Pferd und der deutlich schlechteren Abwehr von HCV im Menschen können wir nun einen neuartigen Ansatz für die Entwicklung neuer Therapien oder Vorsorgestrategien gegen das Hepatitis-C-Virus verfolgen."

MEDICA.de; Quelle: TWINCORE - Zentrum für Experimentelle und Klinische Infektionsforschung