Volumentherapie: Neue Leitlinie für mehr Patientensicherheit

30.09.2014
Foto: Infusionsbeutel hängt an einem Haken

Die neue Leitlinie bietet Ärzten Handlungsempfehlungen zur Kreislaufstabilisierung von Patienten während einer Narkose oder bei der Behandlung auf der Intensivstation; ©dacasdo/ panthermedia.net

Eine deutlich höhere Sicherheit für Patienten gewährleistet die neue medizinische S3-Leitlinie „Intravasale Volumentherapie beim Erwachsenen“. Diese bietet Ärzten Handlungsempfehlungen zur Kreislaufstabilisierung von Patienten während einer Narkose oder bei der Behandlung auf der Intensivstation.

Der Anfang September publizierte Konsensus wurde in Fachkreisen bereits mit Spannung erwartet. Die Inhalte schließen eine Informationslücke, denn seit Oktober 2013 ist der Einsatz einer jahrelang praktizierten Standardtherapie stark eingeschränkt.

Entstanden ist die Leitlinie unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie und Intensivmedizin e. V. (DGAI) und unter Beteiligung von weiteren 13 Fachgesellschaften. Weltweit gab es bisher keinen Standard zur Volumentherapie auf einem vergleichbar hohen wissenschaftlichen Niveau. Anästhesisten schätzen daher die nationale und internationale Relevanz der Leitlinie sehr hoch ein.

„Diese Leitlinie hat eine große Tragweite, denn sie stellt die Volumen¬therapie auf eine neue wissenschaftliche Grundlage“, hebt der DGAI-Präsident Prof. Christian Werner deren Bedeutung hervor. „Die Patienten profitieren in erster Linie von einer höheren Sicherheit bei operativen Eingriffen und intensivmedizinischen Behandlungen“, bestätigt Prof. Gernot Marx, der die Leitlinie koordiniert hat. „Aber auch für Ärzte dient der Standard als fundierte Basis, um für jeden einzelnen Patienten die bestmögliche Versorgung gewährleisten zu können“, so der Direktor der Klinik für Operative Intensivmedizin und Intermediate Care am Universitätsklinikum der RWTH Aachen.

Zur Realisierung gehört auch, jahrelang praktizierte Behandlungen anhand der neuen Evidenz umzustellen. „Wir haben alte Zöpfe abgeschnitten“, kommentiert Marx die 42 Empfehlungen und 6 Statements der Leitlinie. So sprechen sich die Autoren klar gegen die Verwendung von reinen Kochsalzlösungen aus, da diese Nierenschäden bis hin zum Nierenversagen hervorrufen können. „Leider wird deren Gabe noch in einigen Leitlinien empfohlen“, sagt Marx. Zudem wurde die Messung des zentralen Venendrucks im Falle einer notwendigen Volumentherapie erstmals verworfen. Neu in die Leitlinie aufgenommen wurde dagegen das Hochlagern der Beine. Der so erzielte Effekt auf den arteriellen Blutdruck hilft Ärzten zu entscheiden, ob eine Volumentherapie durchführt werden sollte. Generell wird geraten, balancierte Lösungen einzusetzen, da diese der physiologischen Zusammensetzung des menschlichen Plasmas sehr nahe kommen. Grundlage der Leitlinie war eine umfangreiche Literaturrecherche. In zweieinhalb Jahren wurden 17.898 internationale Studien ausgewertet, beurteilt und mit bereits vorhandenen Leitlinien verglichen. Marx erwartet eine verbesserte Patientensicherheit durch die neuen Standards: „Komplikationen werden seltener auftreten, wenn die Patienten evidenzbasiert behandelt werden.“

Auch zu dem in Fachkreisen kontrovers diskutierten Einsatz der Hydroxyethylstärke (HES) gibt die Leitlinie Empfehlungen. HES wird in Deutschland und weltweit am häufigsten als künstliches Volumenersatzmittel verwendet. Benötigt wird dieses, um bei einem massiven Blutverlust, wie er zum Beispiel bei einem Unfall, einer schweren Infektion (Sepsis), im Schockzustand oder auch bei einer Operation auftreten kann, einen Kreislaufkollaps zu verhindern. Als Ersatz für das verlorene Blut kommen unter anderem so genannte kolloidale Lösungen in Frage, etwa aus Gelatine, Bluteiweiß oder Stärke, wie bei HES. Letzteres steht im Verdacht, schwere Nebenwirkungen wie Nierenschäden zu verursachen. Daher hat die europäische Arzneimittelbehörde EMA auf Initiative des deutschen Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) im März 2013 ein Prüfverfahren hierzu eingeleitet. Das Ergebnis war, dass HES seit Oktober 2013 nur noch stark eingeschränkt eingesetzt werden soll. „Die Anästhesisten mussten die Umsetzung der Volumentherapie in der Praxis neu überdenken“, berichtet Werner. „Unsere Fachgesellschaft hat die Notwendigkeit gesehen, möglichst schnell eine belastbare Evidenz herzustellen“, betont er. Laut der neuen Leitlinie ist der Einsatz von modernen HES-Lösungen (6% HES 130) bei einem akuten Blutverlust während eines Eingriffes möglich. Bei kritisch kranken Patienten sollte diese Infusionslösung jedoch nicht verwendet werden.

MEDICA.de; Quelle: Arbeitsgemeinschaft der Wissenschaftlichen Medizinischen Fachgesellschaften e.V.