Vom OP-Tisch in den Sessel

Bei Fast-Track ist das Krankenhaus-
bett schnell wieder leer; © PixelQuelle

„Die Fast-Track Rehabilitation ist ein Konzept, das Chirurgie, Anästhesie und Pflege gleichermaßen einschließt. Der Patient wird zügig durch seine Operation geleitet. Dabei werden die normalen Körperfunktionen wie selber Atmen, Essen und Trinken möglichst kurz oder gar nicht ausgeschaltet und der Behandelte wird so schnell wie möglich mobilisiert,“ so fasst Prof. Dr. Thomas Standl, Chefarzt der Klinik für Anästhesie und operative Intensivmedizin des Städtischen Klinikums Solingen das Konzept zusammen. Bei Dickdarmoperationen wendet seine Abteilung Fast-Track seit etwa einem Jahr an – mit guten Erfahrungen.

Die Patienten in Solingen dürfen bis zwei Stunden vor der Operation noch trinken. Am Abend nach dem Eingriff essen sie bereits wieder zwei Joghurts. Aus Angst das frisch operierte Organ direkt wieder zu belasten, wurde früher nach einer Darmoperation künstlich ernährt. „Mittlerweile hat man aber festgestellt, dass es dem Darm mehr schadet als hilft, wenn er über Tage trockengelegt wird“, sagt Standl.

Der Eingriff selbst wird, soweit dies möglich ist, minimal-invasiv durchgeführt. Schon während der OP wird ein Schmerzkatheter im Rückenmark angelegt. Dadurch ist der Betroffene nach dem Eingriff schmerzfrei und das ohne die Nebenwirkungen, die eine Schmerztablette oder ein Schmerzmittel auslöst, das über die Vene zugeführt wird. „Von den Opioiden werden die Patienten müde, der Darm träge“, berichtet Standl. Mit der thorokalen Epiduralanästhesie, die nur lokal wirkt, kann der Operierte schon am ersten Tag aufstehen. „Der Patient wird zunächst für einige Stunden in einen Sessel mobilisiert. Am Abend kann er auch schon ein paar Schritte über den Stationsflur machen“, sagt Standl.

In der Charité in Berlin wird das Verfahren für den Dickdarm bereits seit fünf Jahren eingesetzt. „Die Rate der allgemeinen Komplikationen wie Lungenentzündung oder Thrombose konnte dadurch halbiert werden, von 20 auf neun Prozent“, sagt Prof. Dr. Wolfgang Schwenk, Stellvertretender Direktor der Klinik für Allgemein-, Visceral-, Gefäß- und Thoraxchirurgie der Charité. Diese Komplikationen sind typische Begleiterscheinungen einer längeren Bettlägerigkeit. „Mittlerweile entlassen wird die meisten Patienten nach fünf Tagen. Die durchschnittliche Verweildauer in Deutschland beträgt zwei Wochen. Die Wiederaufnahmerate ist dabei nicht höher als bei dem herkömmlichen Verfahren.“ Auch im Bereich Lunge und Prostata behandeln die Ärzte bereits nach dem neuen Konzept.

Beide Mediziner betonen wie wichtig das interdisziplinäre Zusammenspiel zwischen Pflege, Chirurgie und Anästhesie ist. „Der Chirurg kann ruhig sagen, ich mache jetzt Fast Track. Wenn der Anästhesist nicht mitmacht, wird er nicht erfolgreich sein“, sagt Schwenk. „Ohne Zusammenarbeit geht gar nichts.“

Eine ganz wichtige Rolle spielt darüber hinaus der Patient. „Auch die schönste Operation und Narkose hilft nichts, wenn der Patient dann zwei Tage im Bett bleibt“, sagt der Solinger Arzt Standl. Der Patient muss bereits vor der OP ausführlich informiert werden, was er selbst tun muss, um das bestmögliche Ergebnis zu erreichen. Den frisch Operierten aus dem Bett zu kriegen, ist dabei nicht immer ganz einfach, weiß Standl. „Manche Patienten haben auch ganz unbewusst die Einstellung: Ich bin krank, also muss ich im Bett bleiben. Da muss dann viel Überzeugungsarbeit geleistet werden.“

Eine Verkürzung der Liegezeiten um mehr als 60 Prozent – da müssten doch Einsparungen gemacht werden können, denken viele Leiter in den Krankenhäusern. “Im Moment interessieren sich viele Kliniken für Fast Track, weil sie glauben, dass sie Kosten abbauen können, wenn der Patient früher nach Hause geht“, sagt Schwenk. „Ich bin mir nicht so sicher, ob das zutrifft. Es muss ja einiges an Geld investiert werden etwa in zusätzliches Personal oder auch in die Schmerztherapie. Sicherlich wird das Verfahren aber nicht mehr Geld kosten als die bisherige Herangehensweise.“

Auf der MEDICA wird Prof. Dr. Thomas Standl am 17.11. ab 14:30 im Raum 14 des CCD Süd in dem Vortrag „Fast-Track-Anästhesie und -Chirurgie“ einen kurzen Überblick über das Konzept geben.

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