Vom Sinn und Unsinn des PSA-Tests

Foto: Blutproben im Labor

Die PSA-Konzentration wird durch
einen Bluttest bestimmt; © SXC

„Heute möchte kaum noch ein Mensch ohne elektrisches Licht leben“, sagt Hartwig Huland, Professor an der Klinik für Urologie am Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf. „Ohne PSA möchte heute auch keiner mehr leben. Es hat uns in der Medizin weit nach vorne gebracht.“ Der Grund: Werde ein Prostatakarzinom früh entdeckt, seien die Heilungschancen gut und mit dem PSA-Test ließe es sich um Jahre früher erkennen als bei einer Tastuntersuchung.

„Der Schaden, den ein PSA-Test zur Früherkennung von Prostatakrebs anrichten kann, ist größer als sein Nutzen“, sagt der Wissenschaftsjournalist Dr. Klaus Koch. Der Grund: Früherkennung soll Tumoren entdecken, die ohne Früherkennung zum Tode führen würden. Das Prostatakarzinom wächst aber nur langsam und viele Männer sterben mit, aber nicht an ihm. Außerdem sagt Koch: „Der Test schwächelt durch seine hohe Falsch-Positiv-Rate. Nach Angaben des Deutschen Ärzteblattes aus dem Jahr 2006 liegt diese bei 75 Prozent.“ Das mache den Test nicht nur sinnlos, sondern auch gefährlich: Die psychologischen Folgen für falsch diagnostizierte Männer seien enorm.

Nutzen des Tests nicht eindeutig bewiesen

Der PSA-Test ist zwar zurzeit der einzige, der zur Früherkennung von Prostatakrebs in der Medizin anerkannt wird, aber sein Nutzen ist wissenschaftlich nicht eindeutig belegt. Das ist auch der Grund, warum die gesetzlichen Krankenkassen ihn nicht zahlen und es genug Platz für kontroverse Diskussionen um Sinn und Unsinn gibt, das prostataspezifische Antigen (PSA) als Marker für Prostatakrebs zu nutzen.

Viele Urologen empfehlen trotz aller Unsicherheiten ihren Patienten, den Test zu machen. Auch in der Leitlinie „PSA-gesteuerte Früherkennung des Prostatakarzinoms“ der Deutschen Gesellschaft für Urologie (DGU) wird er als sinnvoll erachtet. Hier lautet die Argumentation: Lieber eine belastende, vielleicht unnötige Diagnose für den Patienten als die Nachricht, dass der Krebs zu spät erkannt wurde. Allerdings setzt hier die Kritik ein. „Es gibt Patienten, die aufgrund erhöhter PSA-Werte ihr Testament machen“, sagt Koch. Zusammen mit seinem Kollegen Dr. Christian Weymayr hat er das Buch „Mythos Krebsvorsorge“ geschrieben. Die Autoren bemängeln neben den Überdiagnosen, die der Test mit sich bringt, auch, dass viele Patienten vorschnell operiert würden mit den möglichen Folgen Inkontinenz oder Impotenz.

Ein Test mit Schwachstellen

Viele Experten nehmen die Argumente der Kritiker ernst und raten zu einem vernünftigen Umgang mit den Ergebnissen. „Ist ein erhöhter Wert des PSA im Blut, deutet das nicht unbedingt auf Krebs hin“, erklärt Huland. Entzündungen, eine gutartige Vergrößerung der Prostata oder aber auch eine längere Fahrradtour können den Wert in die Höhe treiben. Dies ist eine große Schwachstelle des Tests. Eine weitere: „Die Annahme, dass der Grenzwert bei vier Nanogramm pro Milliliter Blut liegt, gilt heute nicht mehr“, sagt Professor Kurt Miller, Direktor der Urologischen Klinik der Charité Berlin. „Es gibt auch Männer, die bei PSA-Werten unter vier Krebs haben.“ Darum sei es sinnvoller, einen individuellen PSA-Basiswert zu bestimmen und davon ausgehend in regelmäßigen Abständen die Anstiegsgeschwindigkeit zu beobachten.

Und weil das Prostatakarzinom so langsam wächst, empfehlen Mediziner den PSA-Test auch nur dann, wenn der Mann eine Lebenserwartung von noch mindestens zehn Jahren hat. „Jenseits der 75 also in der Regel nicht mehr“, erklärt Professor Manfred Wirth, Vizepräsident der DGU und Direktor an der Klinik für Urologie des Universitätsklinikums Dresden. In diesem Alter sei die Wahrscheinlichkeit höher, an einer anderen Krankheit zu sterben. Sinnvoll sei der Test vor allem für Männer, bei denen Prostatakrebs in der Familie vorkomme.

Fachliche Beratung ist das A und O

Auf jeden Fall warnen die Mediziner vor unüberlegten Operationen. „Ein positives Testergebnis muss nicht zu hektischen Maßnahmen führen. Der PSA-Test dient eher als Risikoabschätzung“, so Miller von der Charité. Kritiker Koch sieht das ähnlich. Seinen Angaben zufolge haben zwar 30 bis 50 Prozent der Männer ab 50 kleine Tumorknoten in der Prostata – aber nur drei Prozent sterben daran. Darüber müsse der Patient vom Arzt kompetent und ausführlich informiert werden. Allerdings vor dem eigentlichen Test, so Koch, damit der Patient durch eine falsche Diagnose psychisch nicht vollkommen aus der Bahn geworfen wird. Kontrolliert wird die Beratung von Fachärzten allerdings nicht.

Klarheit über Sinn oder Unsinn des PSA-Tests sollen die Ergebnisse von zwei zurzeit laufenden Studien bringen. Die „European Randomized Screening for Prostate Cancer“-Studie (ERSPC) mit 205.000 Patienten sowie der „Prostate, Lung, Colorectal, and Ovarian Cancer Screening Trial“ (PLCO-Studie) in den USA mit 148.000 Patienten untersuchen, ob der PSA-Test als Screening geeignet ist und die Mortalität bei Prostatakrebs senken kann. Auf die Ergebnisse müssen Kritiker und Befürworter aber noch warten, und zwar drei Jahre.

Simone Heimann
MEDICA.de