Wenn das Wetter zur Gefahr wird

Es soll energieärmere Computer geben, die Autoindustrie fängt an, sich von riesigen Spritschleudern zu verabschieden, Windräder und Sonnenkollektoren sollen einen Boom erleben - was seit Jahren in Deutschland nicht für möglich gehalten wurde, wird Realität. Wegen eines Berichts des Weltklimarats, der weltweit Bestürzung auslöste. Im ersten Teil einer UN-Klimastudie wird eine deutliche Erwärmung der Erdatmosphäre und ein drastischer Anstieg des Meeresspiegels prognostiziert. Der Bericht resultiert aus der Arbeit von 600 Wissenschaftlern aus 40 Ländern. Im zweiten Teil rechnet der Uno-Klimarat zudem fest mit "steigenden Zahlen von Todesfällen, Verletzungen und Erkrankungen durch Hitzewellen, Überschwemmungen, Stürme, Waldbrände und Dürren".

Auch Deutschland wird vom Klimawandel betroffen sein. Wie genau, darüber sind Experten sich noch uneinig. Verschiedene Studien kommen zu unterschiedlichen Ergebnissen. Am Wahrscheinlichsten sind Regenfluten im Südwesten und Tropennächte an der Küste. In Rheinland-Pfalz könnte mehr Regen fallen, im Nordosten Brandenburgs könnte es zu Wassermangel kommen.

Im dritten Gefahrenschutzbericht der Schutzkommission beim Bundesminister des Innern wird daher auch die Gefahr durch zunehmende Naturkatastrophen erwähnt. Hinter der Schrift stehen rund 40 Experten aus den Naturwissenschaften und Technik, Medizin und Sozialwissenschaften, die die Bundesregierung ehrenamtlich in wissenschaftlichen und wissenschaftlich-technischen Fragen zum Schutz der Zivilbevölkerung beraten.

Professor Peter Sefrin von der Universität Würzburg ist einer dieser Experten. Er sagt, dass Politiker bis jetzt auf den Gefahrenschutzbericht, der im März 2006 veröffentlicht wurde und in dem es hauptsächlich um Krankheitserreger, Chemikalien und nukleare Gefahren geht, nicht reagierten. Aber auch: „Eine Verknüpfung zwischen der Katastrophenmedizin und Extremwetterereignissen gibt es heute überhaupt nicht, weil die Katastrophenmedizin allgemein ein randständiges Thema ist.“

Das liegt zum einen an der knappen finanziellen Lage im Gesundheitswesen. Letztes Jahr zur Fußball-WM floss zwar Geld an Hilfsorganisationen zum Schutz der Zivilbevölkerung vor Großschadensereignissen. Doch das wohl nur, weil das Sportspektakel die Möglichkeit eines katastrophalen Ereignisses näher in das Bewusstsein der Politik rückte. „Aber hier in Deutschland fühlen wir uns nicht durch andere Gefahren angesprochen“, beobachtet Sefrin. „Wir müssten generell eine andere Einstellung entwickeln – immer noch passieren für uns die Katastrophen woanders.“

Und daher gilt bei Großschadensereignissen und Katastrophen: Die Katastrophenmedizin wird erst gerufen, wenn etwas passiert. Dann wird improvisiert. „Die Unterstützung für eine Katastrophenmedizin lässt zu wünschen übrig“, sagt Sefrin. Daher müssten Politiker, aber auch die Bevölkerung für Katastrophen vor der eigenen Haustür sensibilisiert werden. Die Experten der Schutzkommission haben auch schon einen kleinen Erfolg erstritten: „Vor zwei Jahren wurde das Thema Katastrophenmedizin im Studium aufgenommen“, erklärt Sefrin. „Allerdings nicht verpflichtend“, fügt er hinzu. Das bedeutet, dass „es zwar ein paar motivierte Einzelpersonen gibt, aber die meisten Studenten sich doch auf andere medizinische Bereiche konzentrieren.“ Und so bleibt ein Mangel an Experten bestehen, die im Katastrophenfall wirklich wüssten, was zu tun ist.

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