"Der Trend zu steigenden privaten Zuzahlungen wird unserer Einschätzung nach dazu führen, dass vor allem ärmere Menschen nicht mehr alle notwendigen Leistungen des Gesundheitssystems in Anspruch nehmen können oder wollen", so Dr. Claus Wendt vom Mannheimer Zentrum für Europäische Sozialforschung (MZES). Ein allgemeiner und chancengleicher Zugang zu wichtigen Gesundheitsleistungen sei so auf Dauer nicht zu gewährleisten.

Der starke Wettbewerb auf dem Gesundheitssektor ist nach Wendts Einschätzung schädlich für die immer wichtiger werdende Kooperation zwischen Kliniken, Pflegediensten und anderen sozialen Dienstleistern. Der Anreiz, wichtige Informationen über Patienten und Behandlungsmaßnahmen aus Wettbewerbsgründen nicht an die Konkurrenz weiterzugeben, sei unter diesen Bedingungen hoch, so Wendt.

Deutsche Gesundheitsdienstleister arbeiten nach den Erkenntnissen von Claus Wendt also zu häufig gegeneinander statt miteinander. "Das ist besonders bedenklich, da mit einem wachsenden Anteil älterer Menschen auch die Zahl der multimorbiden Patienten steigt. Diese Menschen sind auf ein hohes Maß an Kooperation zwischen ambulanter und stationärer medizinischer Versorgung sowie dem Pflegesektor und weiteren sozialen Dienstleistungen angewiesen. Wenn die Leistungserbringer nicht zusammenarbeiten, geht das direkt zu Lasten des Patienten", betont Wendt.

Das deutsche Gesundheitssystem ist nach Einschätzung des Soziologen für diesen negativen Aspekt des Wettbewerbs besonders anfällig. "In Deutschland haben wir eine relativ strikte Trennung zwischen ambulanter Versorgung, stationärer Behandlung und dem Pflegesektor. In Kanada, Schweden oder Dänemark kooperieren diese Sektoren deutlich intensiver."

MEDICA.de; Quelle: Universität Mannheim