Wider den Wildwuchs bei Gesundheits-Apps

Ob zur Gewichtskontrolle, als Fitness- und Wellness-Anwendungen oder als hochkomplexes Programm zur Diagnostik und Behandlung bestimmter Erkrankungen: Die Zahl der Gesundheits-Apps nimmt rapide zu. Mehr als 100.000 von diesen kleinen Programmen für Smartphones und Tablets sind im Umlauf.

04.05.2016

 
Foto: Person hält Smartwatch und Smartphone mit Gesundheitsapp nebeneinander

Derzeit gibt es mehr als 100.000 Gesundheits-Apps auf dem Markt. Viele von ihnen sind nicht ausreichend geprüft; ©panthermedia.net/ Alexey Boldin

"Viele dieser Apps sind auf kurzfristige Erfolge ausgerichtet", sagt Dr. Urs-Vito Albrecht, stellvertretender Leiter des Peter L. Reichertz Instituts für Medizinische Informatik der technischen Universität Braunschweig und der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) an der MHH. "Grundsätzlich ist die Evidenz zum Thema dünn, was eine objektive Einschätzung des Nutzens der Technologie immens erschwert."

Gemeinsam mit 18 Wissenschaftlern hat Albrecht in der Studie "Chancen und Risiken von Gesundheits-Apps (CHARISMHA)" die aktuellen Rahmenbedingungen für den Einsatz von Gesundheits-Apps aufgearbeitet – aus den Blickwinkeln von Medizin, Informatik, Ethik, Recht, Ökonomie und Politik. "In der Studie haben wir Handlungsoptionen für den sinnvollen Einsatz identifiziert und empfehlen Maßnahmen, um dem Wildwuchs unter den Gesundheits-Apps Herr zu werden", betont Albrecht. "Ziel ist es, das positive Potenzial auszuschöpfen und Risiken der Anwendungen zu minimieren." Darüber hinaus analysiert die Arbeit gesetzliche Rahmenbedingungen und formuliert Vorschläge zur Förderung mHealth-basierter Anwendungen. Das Bundesministerium für Gesundheit (BMG) hat diese bundesweit erste Studie, die sich wissenschaftlich-systematisch mit den neuen Anwendungen beschäftigt, gefördert.

Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe erklärt dazu: "Für viele sind Apps heute schon ein Ansporn, sich mehr zu bewegen, sich gesünder zu ernähren - und sie unterstützen zum Beispiel auch ‎bei der regelmäßigen Einnahme von Medikamenten. Das kann vielen Menschen eine wertvolle Hilfe sein. Doch bei mehr als 100.000 Gesundheits-Apps ist es für Bürger, aber auch für Ärzte nicht einfach zwischen guten und schlechten Angeboten zu unterscheiden. Nötig sind klare Qualitäts- und Sicherheitsstandards für Patienten, medizinisches Personal und App-Hersteller. Gleichzeitig müssen wir dafür sorgen, dass Produkte, die einen wirklichen Nutzen für Patienten bringen, schnell in die Versorgung gelangen. Die heute vorgelegte Studie ist eine wichtige Grundlage für den Fachdialog mit Experten und Verantwortlichen im Gesundheitswesen, in den wir nun eintreten wollen."

Smartphones und Apps sind zu selbstverständlichen Begleitern mit persönlichem Zugang zu allen Lebensbereichen geworden. Gesundheits-Apps haben das Potenzial, das Gesundheitswesen zu verändern. Der gerechtfertigte Einsatz der Technologie macht eine Nutzen- und Risikoabwägung notwendig, die eine medizinische, ethische, rechtliche, ökonomische und politische Diskussion bedingt. Die CHARISMHA-Studie bildet die Grundlage in Form einer wissenschaftlichen Bestandsaufnahme zum Thema und bietet eine erste Analyse mit der Identifizierung von Handlungsfeldern sowie Handlungsoptionen. "Dabei müssen eine Vielzahl von Aspekten und Akteuren berücksichtigt werden", betont Albrecht, "besonders weil diese Apps größtenteils unkontrolliert und unreguliert veröffentlicht werden dürfen und viel in der eigenen Verantwortung steht." Die Autoren der Studie kommen zu dem Schluss, dass der multidisziplinäre Austausch über Entwicklung, Nutzen, Qualität, Zugang zur Technologie, Evaluation, gesellschaftliche Aspekte, Vergütungsmöglichkeiten sowie Aufklärung über Chancen und Risiken der Schlüssel ist, "um notwendige Rahmenbedingungen zu bestimmen und umzusetzen, damit das positive Potenzial ausgeschöpft werden kann".

Gesundheits-Apps werden in den nächsten Jahren sowohl für Patienten als auch professionelle Anwender weiter an Bedeutung zunehmen. "Angesichts dieser Entwicklung bekommen Fragen des Umgangs mit sensiblen Gesundheitsdaten und der Datenschutz eine ganz neue Dimension", sagte Albrecht: "Wir können nicht erwarten, dass jeder Anwender Qualität und Vertrauenswürdigkeit einer App ohne Hilfestellung beurteilen kann." Die Autoren beschäftigen sich auch mit der Bedeutung und Verlässlichkeit unterschiedlicher Ansätze zur Beurteilung von Gesundheits-Apps. Nach ihrer Meinung sollte die Entwicklung sicherer und vertrauenswürdiger Anwendungen gefördert werden, wobei der Zugang durch nachhaltige Finanzierungskonzepte gewährleistet werden muss.

Die Publikation richtet sich daher nicht nur an Akteure aus Wissenschaft, Politik und Industrie, die in diesem technikgetriebenen Umfeld forschen und arbeiten, sondern auch an interessierte Bürger. Als Bestandsaufnahme soll sie Ausgangsbasis für weitere Forschungsfragen und Handlungsschritte zum Thema sein und Nutzern Hilfen zur eigenen Einschätzung mobiler Technologien und dem Umgang damit geben. Die 370 Seiten umfassende Studie steht kostenlos auf den Projektwebseiten zur Verfügung.

MEDICA.de; Quelle: Medizinische Hochschule Hannover

Mehr über die MHH unter: www.mh-hannover.de