Wie im Hirn faire Sanktionen orchestriert werden

Die neuen Erkenntnisse könnten auch für die therapeutische Verwendung bei psychiatrischen, forensischen Patienten bedeutend sein.

Zivilisiertes menschliches Zusammenleben setzt voraus, dass wir uns an elementare soziale Normen halten. Die Einhaltung dieser Normen stellen wir unter anderem dadurch sicher, dass wir bereit sind, Normverletzungen zu sanktionieren. Häufig geschieht eine solche Bestrafung sogar auf eigene Kosten. Dieses Verhalten widerspricht dem ökonomischen Eigennutz des Bestrafenden und verlangt die Kontrolle egoistischer Impulse.

Welche neuronalen Netzwerke dieser Selbstkontrolle zugrunde liegen, zeigen Doktor Thomas Baumgartner und Professor Daria Knoch in Zusammenarbeit mit Professor Ernst Fehr in ihrer Studie. Sie kombinierten dabei die Methode der transkraniellen Magnetstimulation (TMS) mit der funktionalen Magnetresonanztomografie (fMRT).

Die Ergebnisse der Studie zeigen: Normverletzungen werden nur auf eigene Kosten sanktioniert, wenn der sogenannte dorsolaterale präfrontale Kortex aktiviert ist. Dieser ist eine wichtige Kontrollinstanz des Gehirns und befindet sich an dessen Stirnseite. Damit die Sanktion erfolgt, muss diese Kontrollinstanz zusätzlich mit einer anderen frontalen Region interagieren, dem ventromedialen präfrontalen Kortex.

Die Kommunikation zwischen diesen beiden frontalen Gehirnregionen ist auch im Lichte früherer fMRT-Studien interessant. Diese haben gezeigt: der ventromediale präfrontale Kortex encodiert den subjektiven Wert von Konsumgütern und normativem Verhalten. Wie Baumgartner erklärt, erscheint es plausibel, dass diese Gehirnregion auch den subjektiven Wert einer Sanktion encodiert. Dieser Wert erhöht sich durch die Kommunikation mit dem dorsolateralen präfrontalen Kortex. „Mittels Gehirnstimulation konnten wir nachweisen: wird die Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Kortex reduziert, erschwert sich die Kommunikation zwischen den beiden Gehirnregionen. Dies wiederum erschwert merklich die Sanktionierung von Normverletzungen auf eigene Kosten.“

Die Ergebnisse könnten bedeutend sein für die therapeutische Verwendung der nicht-invasiven Gehirnstimulationsmethode bei psychiatrischen, forensischen Patienten. Patienten, die ein stark antisoziales Verhalten zeigen, weisen auch häufig eine reduzierte Aktivität im ventromedialen präfrontalen Kortex auf. Diese Gehirnregion ist aber für eine nicht-invasive Gehirnstimulation nicht direkt erreichbar, weil sie zu tief im Gehirn drin ist. Die Resultate der aktuellen Studie weisen darauf hin, dass die Aktivität dieser Gehirnregion erhöht werden könnte, würde man mittels Gehirnstimulation die Aktivität im dorsolateralen präfrontalen Kortex erhöhen. „Diese indirekt herbeigeführte Erhöhung der Aktivität der frontalen Gehirnregionen könnte dazu beitragen, das prosoziale und faire Verhalten bei solchen Patienten zu verbessern“, schlussfolgert Knoch.

MEDICA.de; Quelle: Universität Zürich